Deutsches Theater : Goethes Kohlekumpel

1962 löste das Stück einen Skandal aus - heute ist es ein Spiel mit Ironie. Saisonstart mit Hintersinn: "Die Sorgen und die Macht" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

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Parteiversammlung einmal anders. Auch das Proletariat ist in Weimar gewesen.
Parteiversammlung einmal anders. Auch das Proletariat ist in Weimar gewesen.Foto: Eventpress Hoensch

Hede Stoll, Arbeiterin in einer volkseigenen Glasfabrik, hat ein Problem: Trotz aufopferungsvoller Maloche im Dienst des Sozialismus bleibt ihr Portemonnaie leer. Denn die Prämien, die ihr eigentlich zustehen würden, sackt der Kollege Max Fidorra aus der Brikettfabrik ein. Als proletarischer Westentaschen-Dandy setzt er sich beim bunten realsozialistischen Kulturabend – wir schreiben das Jahr 1956 – mit einer Pittiplatsch-Maske an Hedes Tisch. Zwar trifft diese Kobold-Figur aus dem DDR-Kinderfernsehen das Niveau der besagten Veranstaltung ziemlich gut. Aber Frau Stoll steht der Sinn in diesem Moment nicht nach Ironie: Die Brikettfabrik verfügt über eine Art Dauerabo für die „Straße der Besten“, weil sie um ein Hundertfaches mehr Briketts produziert, als der Plan vorsieht. Nur heizen kann man mit ihnen leider nicht. Weshalb die Kollegen von der Glasfabrik, die mit der Ausschussware ihre Maschinen betreiben müssen, ideell wie finanziell unverschuldet ins Hintertreffen geraten.

Neben einer modellhaften Liebesgeschichte zwischen Hede Stoll und Max Fidorra folgen betriebsinterne Parteisitzungen, Einlassungen zum Ungarn-Aufstand und Debatten über den „sozialistischen Menschen“ nebst seiner Moral en masse in Peter Hacks’ Stück „Die Sorgen und die Macht“. Die werden zwar vergleichsweise offen geführt, bleiben dem System grundsätzlich aber so zugewandt, dass der Skandal, den das Stück 1962 auslöste (Tsp. vom 3.9.), aus heutiger Sicht nicht mehr problemlos nachzuvollziehen ist.

Man muss also schon eine sehr gute Idee haben, wenn man „Die Sorgen und die Macht“ heute wieder ausgräbt. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner haben sie auch, diese entscheidende Idee. Die ist zwar durchaus naheliegend, aber deshalb nicht weniger intelligent. Knapp 50 Jahre nach besagtem Theaterskandal bringen sie „Die Sorgen und die Macht“ als „Stück über die Zukunft von gestern“ auf die DT-Kammerbühne und haken an jedem Punkt, an dem sich eine Art Diskursfläche oder Trash-Ebene auch nur erahnen lässt, zielsicher kommentierend ein.

Der erste Kontext, in dem sich „Die Sorgen und die Macht“ bestens aufgehoben fühlen dürfen, ist das gegenwärtige Feuilleton. „Hacks, den wir gerne als Wirrkopf hätten, ist in seinen ästhetischen, künstlerischen und philologischen Schriften von hinreißender Intelligenz“, parliert Elias Arens als stilechte Schirrmacher-Figur zu Beginn des Abends über die Rampe. Später springt ihm auch Marcel Reich-Ranicki bei, den der Schauspieler Christoph Franken formvollendet imitiert: „Hacks war für die SED viel zu begabt, zu originell, zu selbständig“, eifert er und hüpft zur Unterstützung seiner Thesen schwer enthusiasmiert durchs Junozimmer von Goethes Wohnhaus am Frauenplan, das Bühnenbildner Jo Schramm nicht ohne feine Ironie auf der Kammerbühne rekonstruiert hat. Wem bis dahin noch nicht klar war, dass die Dinge mit Hacks, dem Sozialismus und der Partei etwas schwieriger liegen als in diesem „Literarischen Quartett“, weiß es allerspätestens angesichts von Hacks’ eigentümlicher Hymne auf die Berliner Mauer: Der Autor pries sie als „der Erdenwunder schönstes.“

Kühnel und Kuttner versuchen gar nicht erst, die Widersprüche aufzulösen, sondern stellen sie in ihrer so unterhaltsamen wie durchdachten Collage einfach nebeneinander. Komplexitätssteigerung vom Lässigsten sozusagen, nach dem Motto: Warum die Schubladen, die so gern festgezurrt werden, nicht zur hirnfördernden Abwechslung mal weit öffnen, mitten in Goethes Junozimmer?

Logisch, dass sich im Verlauf des dreieinhalbstündigen Abends eine Menge Material auftut. Jürgen Kuttner, der nicht nur die Selbstkritik des Regisseurs Wolfgang Langhoff vor der DDR-Nomenklatura verliest, sondern neben dem widerborstigen Brikettarbeiter Edwin Fromm auch eine Art DDR-Kulturbetriebsnudel gibt, versucht zum Beispiel in einem gruseligen TV-Format per Telefon, Walter Ulbricht auf die kümmerliche Showbühne einzuladen. Der beschränkt sich aber lieber auf ein lustiges Berliner Theaterranking per Videoeinspielung: „Wir haben den Eindruck, dass das Deutsche Theater gegenüber dem Berliner Ensemble und der Volksbühne zurückbleibt.“

Bevor der Eindruck entstehen kann, sie verlören sich im Diskurs, kehren Kühnel und Kuttner stets wieder zur Fabel zurück, die durchaus werktreu durchgespielt wird. In der Darstellung des bestens aufgelegten DT-Ensembles wird die Hacks-Ausgrabung zum Glücksfall, weil sämtliche Akteure – allen voran Susanne Wolff und Felix Goeser als Liebespaar – Ironie, Trash und tiefere Bedeutung sehr genau von Denunziation zu unterscheiden wissen. Dass die Brikett-Kumpels in stilechten Blaumännern in die Goethe-Hallen einbrechen und gelegentlich auch mal ein Arbeiter an der Wand ruckeln muss, damit die zu kurz geratene Förderleiter, die brachial aus dem Mauerwerk ragt, auch ja nicht aufhört, Briketts auf den roten Teppich zu spucken, hat natürlich Methode. Genauso wie die Idee, das Proletariat im zweiten Teil die Arbeitskluft ablegen und seine Parteiversammlungen im Goetheanischen Look abhalten zu lassen, wobei die eine oder andere Kohle gern mal zur Veranschaulichung eines literaturtheoretischen Problems herhalten darf.

Symbolträchtiger – und unterhaltsamer – könnten Kunst und Realität gar nicht auseinanderklaffen, was einerseits auf Hacks’ Selbstbild als eine Art Goethe der DDR anspielt. Andererseits aber ist Hacks natürlich – daran lässt der Abend keinen Zweifel – mit der Visions- und Wirklichkeitsdifferenz in bester Gesellschaft. Dass die ignorante Realität gern mit dreckigem Schuhwerk die pittoresken Bildnisse durchkreuzt, die sich die Kunst in ihrem behaglichen Salon soeben von ihr gemacht hat, ist bekanntlich ein täglich zu besichtigendes, mithin absolut zeitenübergreifendes Phänomen.

Kurzum: Man kann sich am Ende des Abends vielleicht immer noch fragen, ob man „Die Sorgen und die Macht“ unbedingt aus dem Theaterfundus holen muss. Aber wenn man es tut, dann so! Inhaltlich hat dieser gelungene Saisonauftakt fürs Deutsche Theater übrigens programmatischen Charakter: Unter dem Motto „Parzelle Paradies“ folgen in den nächsten Tagen Gastspiele, Lesungen und Premieren, die sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigen.

Nächste Vorstellungen: 10. 9., 20 Uhr und 11. 9., 20.30 Uhr

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