Deutsches Theater : „Ich bin ’ne sinnlose Existenz“

Eliten-Demontage: Stephan Kimmig inszeniert Gorkis „Kinder der Sonne“ am Deutschen Theater.

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Spiel mal was Lustiges. Lisa (Katharina Schüttler) und Jelena (Nina Hoss). Foto: Arno Declair
Spiel mal was Lustiges. Lisa (Katharina Schüttler) und Jelena (Nina Hoss). Foto: Arno Declair

Der Naturwissenschaftler Pawel Protassow ist sich sicher, demnächst die Wahrheit über die Menschheit herauszufinden – und zwar als chemischen Rückstand in einem Erlenmeyerkolben. Das Innenleben seiner Gattin allerdings ist dem Naturwissenschaftler fremd. Auch die anderen Leistungsträger, die sich auf Protassows Anwesen über soziale Utopien unterhalten – Künstler, Tierärzte, Hochschullehrer – glänzen nicht direkt mit seismografischen Fähigkeiten. Wäre ja noch schöner, sich vom Hausmeister, der nebenan seine Ehefrau verprügelt, die hehren Gesellschaftsentwürfe verderben zu lassen!

Die russische Intelligenzija, die Maxim Gorki in seinem Schauspiel „Kinder der Sonne“ porträtiert, parliert selbst dann noch im vollen Bewusstsein ihrer gesellschaftsverändernden Relevanz über die strahlende Zukunft der Menschheit, als das Prekariat längst mit der Knarre vor der Tür steht. Gorki schrieb das Stück 1905, während der Ersten Russischen Revolution. Hundert Jahre später scheint das Theater die „Kinder der Sonne“ nun – unter konsequenter Kappung sämtlicher historischer Bezüge – neu zu entdecken. Und zwar als Stück zur tagesaktuellen Eliten-Demontage. Luk Perceval hat das Stück, das sich deutlich an Tschechows „Komödien“ orientiert, unlängst am Hamburger Thalia-Theater als Gruppentherapiesitzung beginnen lassen, bei der die Leistungsträger egomanisch aneinander vorbeireden.

Stephan Kimmig geht nun am Deutschen Theater einen Schritt weiter und verankert die Leistungsträger nicht auf der Freud’schen Couch, sondern – elitäre Höchststrafe – in einer Boulevardkomödie. Statt elegischer Samowar-Gemächlichkeit herrscht ein enormes Tempo: Ein Auftritt jagt den nächsten in der Designpreis-verdächtigen Wandelhalle aus schlanken Metallstäben, die Bühnenbildnerin Katja Haß ins Deutsche Theater gebaut hat. Und jede Figur gibt ihr Bestes, um die geistige Elite zu demontieren: „Ich hab das alles schon tausend Mal gehört“, jammert Protassows nervenkranke Schwester Lisa (Katharina Schüttler) in den Disput ihres Bruders mit dem Maler Wagin (Sven Lehmann) über den Sinn der Kunst hinein. Aus Protassows Frau Jelena (Nina Hoss) bricht eine gutbürgerliche Kommunikationsplattitüde hervor: „Immer dieses Negative!“, ruft sie wiederholt in die intellektuelle Runde, während der Tierarzt Boris Tschepurnoj (Alexander Khuon) von einem radikalen Selbsterkenntnisanfall getroffen wird: „Ich bin ’ne sinnlose Existenz.“

Kimmig hat den Text so bedingungslos eingekürzt und ins Heute geholt, dass es mitunter holpert, wenn sich etwa der weltfremde Protassow, der bei Gorki bodenständig mit Säuren und Basen experimentiert, jetzt zur Untersuchung seiner „Gen-Sequenzen“ an den Computer zurückziehen muss. Aber für den Versuch, den der Regisseur mit diesem Abend unternimmt, verzeiht man das: Wir sehen gesellschaftlichen Eliten bei der Selbstoffenbarung und Selbstzersetzung zu – mit hohem Identifikationspotenzial. Sicher: Das ist nicht neu, aber eine konsequente Lesart Gorkis. Und wem das im Ergebnis zu sehr nach Yasmina Reza statt nach Gorki anno 1905 klingt, der muss dafür die Gegenwart genauso verantwortlich machen wie den Regisseur.

Kimmig hat die Leistungsträger weit von den Niederungen der sozialen Wirklichkeit weggerückt. Ihre utopischen Entwürfe schrumpfen zusehends auf privates Befindlichkeitsniveau. Zudem ist vom Prekariat, das bei Gorki in Gestalt diverser Knechte oder aufstiegsorientierter Dienstmädchen auftritt, lediglich Hausmeister Jegor übrig geblieben. Ulrich Matthes als Protassow macht in der ersten Szene klar, wie man zu dieser gesellschaftlichen Basis steht. Er ist so weit von seinem Hausmeister entfernt, dass er ihn wie ein exotisches Tier anspricht, und kann auch dann nicht aus dem Ironie-Modus aussteigen, als der Hausmeister erklärt, seine Frau zu verprügeln und das im Übrigen auch völlig richtig zu finden. Matthes spielt hier nicht etwa Überheblichkeit, sondern die absolut beiläufige, buchstäblich selbstsichere Souveränität des Bürgers gegenüber dem Proleten, die sich hervorragend mit sozialem Engagement oder Anhebungsforderungen der Hartz-IV-Sätze verträgt.

Zwar muss man sagen, dass der mit schiefem Chassis und Drohgebärden gegenüber den Damen grundsätzlich als Karikatur auftretende Hausmeister (Markus Graf) es ihm dabei auch ziemlich leicht macht – dennoch hat Kimmig mit seinen Schauspielern hier eine Facette des jovialen Bürgertums skizziert, die man auch als scharfsichtigen Kommentar zum zeitgeistigen Theaterbetrieb verstehen kann: Das dramatische Business schmückt sich ja allzu gern mit linksromantischen Sozialentwürfen.

Dass die Balance zwischen Karikatur und ernst genommener Befindlichkeitsduselei über weite Strecken so plausibel gelingt, ist in erster Linie dem hochkarätigen Ensemble zu verdanken, dem Kimmig viel Raum gelassen hat. Nina Hoss katapultiert die bei Gorki recht duldsame Protassow-Gattin Jelena mit Schärfe und buchstäblicher Eigenwilligkeit auf genderkorrekte Augenhöhe mit ihrem Gatten alias Ulrich Matthes. Katharina Schüttler treibt ihrer Lisa die Klischees zwar nicht immer so erhaben aus wie Katrin Wichmann ihrer unglücklich in Protassow verliebten Melanija, hat als sensitive und ahnungsvolle Figur aber auch den schwersten Part unter den Ignoranten. Alexander Khuon macht aus der Geschichte des zynischen Tierarztes, der sich – für den Rest durchaus überraschend – aus verschmähter Liebe erhängt, ein leises, unpathetisches Drama. Und Sven Lehmann, der als Protassows Freund und Nebenbuhler um Jelena mit einem veritablen Busfahrer-Schnauzer auftritt, ist ebenfalls über jeden Zweifel erhaben, wenn er Tschepurnojs Liebesschmerz mit einem trockenen Robert-Gernhardt-Gedicht kontert.

Wieder am 19., 21. u. 28.10., 19.30 Uhr

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