Deutsches Theater : Kein Zauberland

Kein Theaterzinnober, Märchenonkelgemütlichkeit und entzückendes Illusionsgedöns: Roland Schimmelpfennigs Version von "Alice im Wunderland" am Deutschen Theater setzt auf Reduktion.

Andreas Schäfer

Das Erleichternde zuerst: Der hoch geschätzte Autor Roland Schimmelpfennig, der knapp zwei Dutzend Stücke verfasst hat – darunter das wunderbar zwischen Wirklichkeit und Traum zerschmelzende „Die arabische Nacht“ – kann auch Regie führen. Er kann Schauspieler anleiten, hat ein Gespür für Rhythmus und Aufbau einer Szene und weiß, was er auf einer Bühne stattfinden lassen will – und was eher nicht. Trotzdem verlässt man die Kammerspiele des Deutschen Theaters nach Schimmelpfennigs Regiedebüt seiner Textfassung von „Alice im Wunderland“ wie benebelt. Ist das der Sinn von Alices Fall in den Kaninchenbau, in dem die Gesetze von Raum, Zeit und Identität ihre Gültigkeit verlieren? Dass der Zuschauer sich nach der Vorstellung an kaum etwas erinnert?

„Alice im Wunderland“ auf dem Theater, das hieß bisher: Bilderzauberei. Anfang der neunziger Jahre warf Robert Wilson in Hamburg seine Illusionsmaschine an und ließ nicht nur Alice und die unterirdischen Wunderwesen auftreten, sondern auch den Autor Lewis Carroll selbst, der sein apartes Geschöpf durch das gierige Auge einer Kamera recht pädophil beobachtete. Ohne sexuelle Anspielungen, dafür mit dem Märchenonkel Tankred Dorst brachte Peter Zadek einige Jahre später die Geschichte auf die Bretter der Münchner Kammerspiele. 2003 kam schließlich Schimmelpfennigs eigene Textfassung unter der Regie von Michael Simon in Hannover heraus – auch da: Farblich toll leuchtende Hintergründe und riesige Buchstaben, die effektvoll über die Bühne rollten.

Von Theaterzinnober, Märchenonkelgemütlichkeit und entzückendem Illusionsgedöns will Roland Schimmerpfennig jetzt nichts wissen. Er verleugnet auch als Regisseur die Erfahrung eines Autors nicht, nach der das Wunder, wenn überhaupt, nur in den Köpfen stattfindet. Konsequenterweise fällt das Bühnenbild aus. Der Blick reicht über die splitternackte Bühne ungehindert bis zu den unbenutzt bleibenden Seilzügen der Theatertechnik. Nur die Instrumente stehen vor der Brandmauer, und die Band-Mitglieder Marc Awolin, Andreas Dormann, Sven Pollkötter sind nicht nur für Musik, sondern auch für Vogelgezwitscher, Babygeschrei und andere Geräusche zuständig. Schimmelpfennig pokert hoch. Wie bei Kafka soll das Geheimnisvolle entstehen, obwohl nichts versteckt und alles sichtbar ist.

Der Anfang ist furios, weil Mirco Kreibich ein furioses über die Bühne preschendes weißes Kaninchen ist, das mit karnickelhaft neurotischem Nasekrausen vor den Höllenhunden der Pünktlichkeit flüchtet – bevor es zu Pingpong-Klängen ein melancholisches Lied über das Zuspätkommen anstimmt. Derweil lässt Regine Zimmermann als Alice die Beine vom Bühnenrand baumeln und wird von ihrer Schwester (Barbara Schnitzler) angeraunzt, ja nicht auf die Idee zu kommen, dem Kaninchen zu folgen. Vergeblich, wie man weiß. Schon fällt Alice in Zeitlupe den Schacht hinunter – für die Darstellung reicht ein spartanisches Rocklüpfen zur Andeutung des Fallwindes.

Das ist das Prinzip des Abends: Die reduzierte Spiel-Andeutung, die kleine, dezent ironische Geste, die große Vorgänge treffend umreißt. Als Alice schrumpft und nicht mehr an den Schlüssel auf den Tisch kommt, stellt Regine Zimmermann sich nur auf die Zehenspitzen, tastet mit den Fingern im Nichts und ächzt dabei wie ein ehrgeiziges Kleinkind. Der Minimalismus kommt ihr entgegen – den Rücken gerade, die großen Augen aufgerissen, lässt sie durch simples Zusammenrutschen der Brauen die vermeintliche Gewissheit über ihre Identität in einem Strudel des Zweifels verschwinden. Auch durch die Kostüme Giulia Paoluccis wird der Ball flach, nämlich auf lakonischem Campingniveau gehalten. Ein Schlafsack macht Jürgen Huth zur Raupe, ein umgeschnalltes Federbett Thomas Schmidt zu Humpty Dumpty.

Der Schwerpunkt liegt auf der Sprache. Mit groß gerundetem Mund wird gesprochen, als befände man sich in einem Langgedicht von Ernst Jandl. Da das theatralische Gerüst so mager ist, hängt alles am Einzelnen: Kathrin Wehlisch schreit einen grotesken, wutgefütterten Vortrag über das Größer- und Kleinerwerden heraus, Gabriele Heinz und Aylin Esener singen in Nonnentracht ein Nonsensduett über die Qualen der Wochenendbeschäftigung, auch „Jammerwoch“ genannt.

Nach einer Stunde reißt der dünne Faden der Lakonie, der Abend zerfällt in eine zäh auf der Stelle tretende Revue. Minutenlang wird in Kochtöpfe geniest oder stumm an einer Tafel gesessen. Das anfangs interessante Bild- und Lebhaftigkeitsverbot zeigt seine Rückseite, eine bürokratische Beamtenhaftigkeit, mit der Episode für Episode abgehakt wird. Es stimmt: Wunder finden im Kopf statt. Sprödes Konzepte-Entwerfen auch.

Wieder am 4., 5., 10., 18., 22., 26. und 31. Dezember, variierende Anfangszeiten

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