Deutsches Theater : Knall auf Fall

Schwatzen gegen die Schuldenkrise: Stefan Kimmig inszeniert Anton Tschechows „Kirschgarten“ am Deutschen Theater Berlin, mit Nina Hoss als Gutsbesitzerin Ranjewskaja

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Für sie gibt’s keinen Schuldenschnitt. Eine blasse Nina Hoss als Gutsbesitzerin Ranjewskaja, ein gestiefelter Felix Goeser als Nachfolger Lopachin. Foto: M. Lieberenz/bildbuehne.de
Für sie gibt’s keinen Schuldenschnitt. Eine blasse Nina Hoss als Gutsbesitzerin Ranjewskaja, ein gestiefelter Felix Goeser als...

Diese Leute haben kein Geld, aber sehr viel Selbstmitleid. Sie schwatzen den lieben langen Tag, gehen einander auf die Nerven mit alten Geschichten, die sie endlos wiederholen. Und weil sich die drückenden Schulden, ähnlich wie ein Liebesschmerz, bloß vorübergehend verdrängen lassen, werden Luftschlösser gebaut – von reichen Verwandten, sagenhaften Wechseln, irgendwelchen Phantomen, die den endgültigen Bankrott in letzter Sekunde abwenden. Dann folgt der harte Schnitt: Haus und Hof, Gut und Boden, die Heimat wird versteigert, und die Pleitiers gehen mit frischem Geld ins Ausland.

Anton Tschechows „Kirschgarten“, 1904 in Moskau uraufgeführt, wirkt heute wie ein griechisches Menetekel. Wenn der verarmte Adel damals seine Wälder, Wiesen, Obstplantagen für Datschengrundstücke verhökert hat, dann können jetzt auch die Griechen ein paar Inseln losschlagen, oder? Die Ökonomie des Schwindels produziert bei Tschechow zwei Typen: Die einen reden permanent von Geld (oder Liebe), die andern tun so, als könnte sie die Liebe (oder das Geld) nicht anfechten. Jeder verliert dabei auf seine eigene Art. Tschechow selbst fühlte sich vom Theater seines Freundes und Mentors Konstantin Stanislawski zuweilen gründlich missverstanden. Er sah den tieftraurigen „Kirschgarten“, den Zerfall einer Familie, als komödiantisches Geschehen, auch das Wort „Farce“ fällt in dem Zusammenhang.

Tschechow ist immer gut, vor allem in Krisenzeiten, aber die herrschen am Theater ja immer. Der Literaturwissenschaftler Bernd Blaschke weist im Programmheft des Deutschen Theaters darauf hin, dass sich der „Kirschgarten“ augenblicklich auf deutschen Bühnen besonderer Beliebtheit erfreut. Nach Dramaturgenbegriffen ist es also ein hochaktueller Text. Regisseur Stephan Kimmig, bekannt für seine mal mehr, mal weniger gelungenen Klassiker-Zuspitzungen, entscheidet sich hier für den Kahlschlag: Der „Kirschgarten“ ist Klamauk, und fertig. Feydeau, Labiche, französische Katastrophenkomödie, irgendetwas in dieser Richtung.

Und so rennen sie, turnen und schreien, balgen und jagen sich, zweieinhalb Stunden. Das ist für Tschechow eine eher kurze Spieldauer, doch es fühlt sich lang und weilig an. Es wird nicht zugehört. Die Inszenierung entwickelt kein eigenes Zeitgefühl, nur Hektik. Als ob all die wunderbaren, wundersamen Tschechow-Momente schnell-schnell abgearbeitet werden müssten – die Redeanfälle des Onkels, die Missgeschicke des Buchhalters, die erotischen Anläufe bei dieser Frau und jenem Mann, die Zauberkunststückchen, die Tänze, kurz: der ganze Tschechow als lieblose Miniatur. Dabei kommt die Reisegesellschaft aus Paris in Zeitlupe an. Mit weiten Schritten, aufgerissenen Augen staksen sie ungläubig durch das elegisch-schöne, luftige Bühnenbild von Katja Haß. Sie tragen Straßenkleidung (Kostüme: Anja Rabes), wobei nicht klar ist, ob das ihre prekäre finanzielle Lage anzeigen soll oder einfach nur, dass sie von heute sind.

Auffällig jung besetzt ist das Ensemble mit Nina Hoss als Gutsbesitzerin Ranjewskaja. Wie blass sie wirkt, fast unbeteiligt. Was ihr – und den meisten anderen – an Emotionalität abgeht, hat der Kaufmann und künftige Gutsbesitzer Lopachin, Sohn von Leibeigenen, im schwer erträglichen Übermaß. Felix Goeser gibt den Elefanten im Porzellanladen, reißt alles nieder mit seiner muskulösen Präsenz, noch ehe die Äxte und Sägen kommen. Der dicke Gajew, Bruder der Ranjewskaja, hat sich längst aufgegeben, er vegetiert vor sich hin. Aber auch er ist froh, wenn alles vorüber ist. So rennen und flüchten sie und retten sich doch nicht. Selbst Firs, der alte Diener (Helmut Mooshammer), könnte einen Strafzettel für Geschwindigkeitsüberschreitung bekommen. Zeit ist Geld, und beides haben diese Leute nicht. Lopachin ist reich und kann es nicht genießen.

Es sind kleine Sauerkirschen, die Kimmig einmacht. All die Hysterie und Überreiztheit lässt sich wie auf Knopfdruck ein- und ausschalten. „Noch vor kurzem standen wir auf einem festen Fundament“, schrieb Andrej Bjely, ein Zeitgenosse Tschechows: „Jetzt ist selbst die Erde durchscheinend geworden. Wir gehen gewissermaßen über glattes, durchsichtiges Glas, und unter dem Glas hervor folgt uns der ewige Abgrund. Beängstigend ist es auf diesem Luftweg.“ Bei Kimmig am DT aber ist diese Angst ausgelagert, sitzt nicht in den Menschen, bleibt eine anmaßende Behauptung. Unheilvolles Grummeln quillt aus den Lautsprechern. Das Ende ist nah. Dabei hat das Stück in keinem Moment einmal richtig angefangen, alles schon abgehakt, abgelebt. Schlapp-Stick. Auch eine Farce könnte man auskosten.

Das Deutsche Theater hat eine große Tschechow-Tradition. Die epochalen Inszenierungen des Jürgen Gosch liegen nur wenige Jahre zurück. Jetzt ist Tschechow-Rezession. Oder einfach nur Routine. Zu wenig für ein großes Haus in der Hauptstadt.

Wieder am 3., 13., 25., 27. März

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