Kultur : Deutsches Theater: Thalheimer in die Direktion

-

Bernd Wilms genießt seinen Sieg dezent. Der Intendant des Deutschen Theaters Berlin verfällt bei der Pressekonferenz zur Zukunft seines Hauses nicht in auftrumpfenden Gesten. Ausfälle gegen den Kultursenator, der ihn vor einigen Monaten aus dem Amt befördern wollte und sich damit eine Menge Ärger einhandelte, verkneift sich Wilms. Lieber spricht er darüber, wie er nach der Vertragsverlängerung bis zur Spielzeit 2007/2008 seine Bühne führen will: „Wir wollen einen entschiedenen Neuanfang in der Kontinuität.“

Wichtigste Neuerung: Ab der kommenden Saison wird das Haus in der Schumannstrasse von einer erstmals installierten Künstlerischen Leitung geführt, zu der neben Wilms sein langjähriger Chefdramaturg Oliver Reese, der Betriebsdirektor Michael de Vivie und der Regisseur Michael Thalheimer gehören. Thalheimer, der am Deutschen Theater unter Wilms’ Intendanz enorm erfolgreiche Inszenierungen herausgebracht hat („Emilia Galotti“, „Faust“), übernimmt damit erstmals Leitungsaufgaben. Nahe liegenden Vermutungen, dass er sich damit auf eine eigene Intendanz vorbereiten würde, wollte Thalheimer weder bestätigen noch dementieren.Thalheimer wird sich ab 2006 ganz auf Berlin konzentrieren. Am Deutschen Theater will er bis 2008 mindestens fünf Inszenierungen herausbringen, dazu kommt eine Arbeit an der Staatsoper. Am Hamburger Thalia Theater, wo Thalheimer in den letzten Jahren kontinuierlich inszeniert hat, wird er dann „pausieren“. Neben Thalheimer binden sich drei weitere Regisseure enger ans Deutsche Theater: Jürgen Gosch (der dort zuletzt mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ einen großen Erfolg hatte), Barbara Frey und Dimiter Gotscheff werden kontinuierlich dort inszenieren. Verabredet sind mit Gosch und Gotscheff je zwei Inszenierungen pro Spielzeit, Frey wird zwischen 2006 und 2008 drei Mal Regie führen. Gotscheff wird, zumindest vorläufig, parallel zum Engagement am DT weiter an der Berliner Volksbühne arbeiten.

Mit der Entscheidung, vier Regisseure fester an sein Haus zu binden, reagiert Wilms auf die Kritik, das Deutsche Theater drohe gelegentlich zu einem sehr geschickt geführten, aber etwas gesichtslosen Gemischtwarenladen zu werden. Und weil man angesichts gut überstandener Konflikte mit dem Kultursenator und glänzender Auslastungszahlen (seit Jahressbeginn über 90 Prozen) auch mal Forderungen stellen kann, denkt Wilms laut darüber nach, dass eine dritte Spielstätte, ähnlich der alten Baracke, doch eigentlich eine feine Sache wäre. Die Zukunft kann kommen. Peter Laudenbach

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben