Deutsches Theater : Thalheimer kürzt Hauptmanns "Weber" in Berlin

Außer Schlesien nichts gewesien: Michael Thalheimer hat im Deutschen Theater in Berlin wieder einen Klassiker im Verhör.

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Ihr da oben, wir da unten. Olaf Altmann hat für Michael Thalheimers „Weber“-Inszenierung eine große Treppe gebaut. Hier gibt es kein Entkommen, nur ein ewiges Auf und Ab.
Ihr da oben, wir da unten. Olaf Altmann hat für Michael Thalheimers „Weber“-Inszenierung eine große Treppe gebaut. Hier gibt es...Foto: Bresadola/drama-berlin.de

Jetzt also eine Treppe. Steil und dunkel, eine Hühnerleiter, keine Showtreppe. Wir sind hier nicht in Las Vegas oder im Friedrichstadtpalast, sondern bei den „Webern“ im Deutschen Theater. Michael Thalheimer hat wieder einen Klassiker im Verhör. Dem Regisseur und seinem Bühnenbauer Olaf Altmann fallen immer neue Schikanen ein, einen Text in einen strengen Parcours zu verwandeln. Ob Laufsteg („Emilia Galotti“), blutige Rampe („Orestie“) oder schmaler Geh- und Sehschlitz wie bei Hauptmanns „Ratten“ am DT: Der Schrein bestimmt das Bewusstsein, die Architektur die Fallhöhe. Und die ist groß, auf diesen Stufen geht es nur abwärts mit den Menschen, selbst mit den Bessergestellten, den Ausbeutern. Stairway to hell.

Das Stück ist ein Gründungsmythos des Hauses – epochal für die deutschsprachige, wenn nicht europäische Theatergeschichte. Gerhart Hauptmann hatte es gewagt, dem grauenvollen Elend der Weberfamilien – der Aufstand lag damals schon ein halbes Jahrhundert zurück – ein Gesicht zu geben, einen Namen und Klang. Mit dem Begriff Naturalismus ist nur schwach angedeutet, wie das eingeschlagen hat, dieses gefährlich tönende Aus- dem-Bauch-Sprechen der Geprügelten und Betrogenen, dieses „Wir sind das Volk“ im schlesischen Dialekt. 1894 fand die erste öffentliche Aufführung im Deutschen Theater statt. „De Waber“, wie es in der Originalfassung heißt, erschreckte den deutschen Kaiser, wurde von der Zensur verboten und brachte Hauptmann 1912 den Literaturnobelpreis ein.

Nun war die Weber-Sprache schon bei Hauptmann – er trieb fleißig Milieustudien – ein Kunstprodukt. Schauspieler können das heute nicht mehr sprechen. Als Frank Castorf das Drama 1997 an der Volksbühne schredderte, klang das Theater-Schlesisch irgendwie sächsisch-berlinerisch, jetzt am DT rackern sich die Schauspieler mit den sperrigen Wortbrocken ab, als wär’s die Maul- und Klauenseuche aus dem Hessischen. Sie brüllen sich um den Verstand, die Tröpfchen fliegen, die Treppe hat die armen Spucker fest im Griff. Da sitzen die Elendshäufchen, da stehen die Erniedrigten und Beleidigten wie angenagelt. Der Aufstand beginnt in den verrenkten Körpern. Wohnstube, Arbeitsplatz, Fabrikantenvilla, Straße: alles auf der Treppe.

Oben die Reichen, die Schmarotzer, unten die Webersleute. So stellt es sich zu Anfang dar, so einfach und klar, alsbald aber wird die räumliche Hierarchie aufgelöst, kommen die Oberen als Nervenbündel unten an, marschiert die Unterschicht von oben herab in die Auseinandersetzung. Bei Thalheimer sind am Ende alle gleich, alle Spatzen (und Geier) gefangen. Er hat den kalten, naturwissenschaftlichen Blick, konserviert ausgestorbene Arten, installiert ein Museum theatraler Gesten. Thalheimer inszeniert keine Geschichte, zeigt keine Entwicklung, vielmehr hält er den Moment der Empörung fest, die Wallung des Bluts, ausgedehnt auf hundert Minuten. Die Aufführung – und das ist wörtlich zu nehmen: ein einziger Aufschrei.

Diese eingefrorene Dramaturgie verlangt einen hohen Preis. Denn es sind vor allem die da oben, die Typen mit den Krawatten, denen man zuhört. Ingo Hülsmann, der Fabrikant Dreißiger, hält eine so schluchzend-schmierige Rede über die Mühsal und Risiken des Unternehmers, dass einem der reiche Sack fast leid tut. Der Weltmarkt! Die neuen Webmaschinen! Die Rohstoffpreise! Sein Expedient Pfeifer (Moritz Rove) mimt den miesen Zyniker, den arschigen Unterboss, und Horst Lebinsky karikiert den ekelhaften Pfaffen, der selbstverständlich auf der Seite des Kapitals steht. Alles Typen, die man zum Teufel wünscht, das Problem ist nur: Sie reden wie Menschen. Während die Weber tierische Laute von sich geben, in ihrem Primitivismus schmoren. Sie sprechen nicht, sie stopfen sich den Mund voll mit Wörtern.

Theater war früher mal politisch, das hat schon vor Hauptmann angefangen. Und bis heute stellt sich die Frage immer wieder neu, auch wenn das Politische dem Theater abhandengekommen ist oder umgekehrt: Wie spielt man Armut? Wie lassen sich soziale Deformation und nackte Verzweiflung zeigen, ohne dass ein Elendszoo draus wird? Dass blutverschmierte, zerrissene Weberklamotten (Kostüme: Michaela Barth) nicht ausgedacht und angemalt aussehen; in Berlin ist schließlich Modewoche. Dreißiger gönnt seinen Arbeitern die Butter nicht auf dem Brot, seine Gattin ist eine strohdoofe, verwöhnte Blonde (Isabel Schosnig), es ist um keinen aus dieses Bagage schade. Doch was soll man anfangen mit den fürchterlichen Schreihälsen, denen die Augen aus dem Kopf herausquellen? Peter Moltzen, Norman Hacker, Sven Lehmann: Thalheimer hat die besten Männer des Ensembles auf der Treppe aufgereiht und lässt sie im Weber-Waber-Würgegriff verrecken. In seinen „Ratten“ hatte jede Figur eine eigene Sprache, einen individuellen Raum um sich, einen konfliktreichen Charakter. Hier regiert die Uniformität, gibt es nur eine Tonlage: lauthals bis zum Anschlag. Eine Ewigkeit vergeht, bis einmal der rasende Webstuhl angehalten wird. Dann aber ist es zu spät: für die Aufführung. Und für die Weberfamilie Hilse.

Der bewaffnete Aufstand läuft, Soldaten marschieren (wir erfahren das in einer klassischen Mauerschau), und plötzlich gibt es nur noch eine Handvoll Menschen, es wird still. Schrecklich still und bedrohlich. In den Augen der Frau Hilse steht Todesangst, der alte Hilse bleibt am Webstuhl und hat böse Vorahnungen. Gabriele Heinz und Jürgen Huth spielen das berührend, Thalheimers Minimalismus lässt dieses eine Mal Luft zum Atmen. Das kleine Mielchen (Claudia Eisinger) zittert vor Angst, und man vergisst den ganzen Treppenzauber, hört auf, die Stufen zu zählen – hört zu und hört hin. Der Hauptmann’sche Schluss mit dem Tod des alten Hilse ist Thalheimer dann wieder nicht geheuer. Muss man raten, oder man weiß es – dass ein Querschläger den Sturkopf tötet, der sich nicht in Gefahr begibt und dabei umkommt.

Sie sahen: Eine Folge aus der Serie „Menschen bei Thalheimer“. Thema des Abends: „Das deutsche Theater schafft sich ab“. Heute mit: Gerhart Hauptmann.

Nächste Vorstellungen: 23., 24., 27. Januar sowie 3. und 20. Februar.

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