Deutsches Theater : Wenn es am schönsten ist

Das große Wort von der Ära ist hier wirklich einmal angebracht. So viel ist passiert, so viel hat sich am Deutschen Theater verändert und bewegt in sieben Jahren unter Bernd Wilms, die nicht immer nur fette waren. Einen erstklassigen Theaterleiter erkennt man auch an den Kämpfen, die er für sich entscheidet.

Rüdiger Schaper
Bernd Wilms
Bernd Wilms.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Zuletzt war die Dominanz des Deutschen Theaters fast schon etwas unangenehm. Beim Theatertreffen ragten „Onkel Wanja“ und „Die Ratten“ weit über den Rest heraus, und wollte man die zu Ende gehende Berliner Spielzeit bilanzieren (wir lassen es lieber), so hieße der Gewinner wieder: Bernd Wilms. Er hatte zuletzt das Theaterglück gepachtet. Das hat er sich verdient.

Jetzt hört er auf. In den Kammerspielen laufen die allerletzten Vorstellungen der Ära Wilms, das große Haus ist wegen Umbau schon geschlossen. Das große Wort von der Ära ist hier wirklich einmal angebracht. So viel ist passiert, so viel hat sich verändert und bewegt in sieben Jahren, die nicht immer nur fette waren. Einen erstklassigen Theaterleiter erkennt man auch an den Kämpfen, die er für sich entscheidet, für sein Haus.

In der Chronik „Deutsches Theater Berlin 2001–2008“ (Henschel Verlag, Tagesspiegel vom 13. April) wird zart daran erinnert. Wie schwer der Anfang war, der Wechsel vom Maxim-Gorki-Theater ans DT. Wenn es ein Spielsystem Wilms gibt, konnte man es schon damals an der kleinen Gorki-Bühne erkennen, in der Schumannstraße hat er es perfektioniert. Aus einem breiten Mittelfeld entwickeln sich Spitzenaufführungen. Wilms spielte am DT mit drei Stürmern, den Regisseuren Jürgen Gosch, Dimiter Gotscheff und Michael Thalheimer. So wurden sie Hauptstadt- und Deutscher Meister und ließen Ost- und West-Differenzen vergessen. Fairerweise muss man daran erinnern, dass es der sonst so seltsam agierende Kultursenator Peter Radunski war, der Wilms ans Deutsche Theater brachte. Das Haus lag damals am Boden, war abgespielt durch und durch. Auch längst vergeben und vergessen: die kulturpolitische Beinahe-Katastrophe, als Senator Thomas Flierl partout eine Veränderung an der Spitze des Hauses durchsetzen und Wilms loswerden wollte. Und doch noch zurückgeschwenkt ist.

Ulrich Khuon, Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, saß damals in der so genannten Findungskommission. Die fand schließlich, dass Wilms bleiben soll. Ein weiser Entschluss. Im nächsten Jahr wird Khuon die Intendanz des Deutschen Theaters übernehmen; bis dahin führt Oliver Reese, Wilms’ bewährter Chefdramaturg, die Geschäfte.

Aufhören nach sieben Jahren. Wenn es am schönsten ist. So erfüllt sich der Goethe-Spruch aus dem „Faust“, der in Riesenleuchtschrift auf dem Vorplatz des Deutschen Theaters steht: „Verweile doch.“ Er erfüllt sich in faustischer Dialektik. Weil es im Theater sowieso nichts gibt, das von Dauer wäre. Mehr Erfolg als er kann man kaum haben. Andere Theaterdirektoren machen mit 67 Jahren noch lange nicht Schluss, und auch nicht nach sieben Jahren. Man muss Bernd Wilms beglückwünschen – zu seiner Sturheit, die er zuweilen an den Tag gelegt hat, ebenso wie zu der Entschlossenheit, nun loszulassen. Eine großartige Zeit plätschert am Deutschen Theater aus. Gefeiert hat die Theaterstadt den scheidenden Intendanten schon im Mai, mit Feuerwerk, Musik und Tränen.

„Emilia Galotti“, „Die Perser“, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ und zuletzt „Onkel Wanja“: Dies waren die eindrucksvollsten, prägendsten Inszenierungen der Intendanz Wilms. Vor allem aber – das ist das Wichtigste und Schwerste – ist hier ein Berliner Ensemble entstanden, ein hauptstädtischer Schaukasten. Mit Nina Hoss, Regine Zimmermann, Katharina Schmalenberg, Constanze Becker. Mit Samuel Finzi und Wolfram Koch, Ulrich Matthes und Sven Lehmann. Mit Olaf Altmann und Mark Lammert, in deren Bühnenbildern sich die Schauspieler dann doch ein wenig verewigt haben.

Gab es bei Wilms einen spezifischen DT-Stil, eine unverwechselbare Ästhetik? Die Klassiker sind ins Spiel zurückgekommen und dem Publikum wieder nähergerückt. Lessing auf dem Laufsteg, Hauptmann im Schraubstock, Aischylos in der Ausnüchterungszelle. Dieses Theater zeigt Form und Widerstand. Manchmal hat es etwas Hermetisches, Manieristisches. Nirgendwo aber in dieser Stadt gibt es Stücke, die so lange im Gedächtnis nachbrennen.

Bernd Wilms und das Deutsche Theater haben in diesen sieben Jahren gegen den allgemeinen Bedeutungsverlust der Bühnen angespielt, mit nachhaltigem Erfolg. Gibt es ein größeres Kompliment – und eine größere Herausforderung für die Nachfolger?

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