Deutsches Theater : Wir Wanjas

Wanja, Wanja, Wanja – wohin man auch hört! „Onkel Wanja“ ist die Inszenierung des Jahres, mit Ulrich Matthes und Jens Harzer, den Schauspielern des Jahres, am Deutschen Theater des Jahres!

Eine SPIELZEITERÖFFNUNG von Rüdiger Schaper

Wanja, Wanja, Wanja – wohin man auch hört! „Onkel Wanja“ ist die Inszenierung des Jahres, mit Ulrich Matthes und Jens Harzer, den Schauspielern des Jahres, am Deutschen Theater des Jahres! Schon beim Theatertreffen konnte nichts und niemand diesem Jürgen-Gosch-Wunder auch nur ein Gläschen Wasser oder Wodka reichen. Und nun der vollkommene Triumph bei der Kritikerwertung von „Theater heute“. „Onkel Wanja“ und, ja, Onkel Wilms! Das deutschschsprachige, das deutsche Theater (klein geschrieben) war ja schon immer gut zu und mit Tschechow, wenn man sich an Grüber, Zadek, Stein erinnert. Dieser Wanja am Deutschen Theater (ganz groß geschrieben) wird noch lange leuchten; da wurde Theatergeschichte gemacht. – Wenn es denn so einfach wäre: Auf wundersame Weise ist es dem Regisseur und seinen Schauspielern zugestoßen, dass diese nachhaltige und historisch zu nennende Aufführung entstehen konnte.

Irgendwie klassisch geht es jetzt erst mal weiter in der neuen Saison: „Der zerbrochne Krug“ am Berliner Ensemble mit Klaus Maria Brandauer in der Regie von Peter Stein, Thomas Ostermeiers „Hamlet“ an der Schaubühne und Luc Bondys „Zofen“ an der Volksbühne. Edith Clever und Sophie Rois in einem Stück, und Bondy zu Gast bei Frank Castorf – ein Sprung über gar nicht mehr so lange Schatten und einst tiefe Gräben.

Nachdrücklich hat sich das Theater von seiner alten Erfolgsgarantie und Existenzgrundlage verabschiedet, der Ideologie. Es will nicht mehr (so) politisch sein, nur ein paar Autorenregisseure wie Falk Richter und René Pollesch halten an der Tradition der frontalen Aufklärung fest. Selbst der Ruf nach neuen Stücken und zeitgenössischen Formen klingt schal. Ein Königreich für ein großes neues Stück im Hier und Jetzt! Es gibt diese Stücke ebensowenig, wie es in der globalisierten Demokratie mit ihren ständig wechselnden medialen Thronen Königreiche gibt.

Die Theater spielen bewährtes Repertoire, man kann es auch als die Ver-Operung des Schauspiels bezeichnen. Aber war nicht Christoph Schlingensiefs vom Krankenbett gesteuerte Inszenierung der „Heiligen Johanna“ an der Deutschen Oper Berlin – neben „Onkel Wanja“ – das andere absolut herausragende, erschütternde und weiter wirkende Ereignis der letzten Spielzeit?! Ein über sechzig Jahre altes, bis dato szenisch nie gewagtes Werk von Walter Braunfels!?

Mit den Alterungsprozessen der Gesellschaft und dem Mangel an frischem, substanziellen Material entwickelt sich ein neu-altes Verständnis von dem, was neu ist. Am Maxim Gorki Theater machen sie jetzt – nach „Anna Karenina“ – eine Bühnenfassung des „Zauberberg“. Tolstoi und Thomas Mann als Entdeckungen, was spricht dagegen! Und nichts beschäftigt die Feuilletons so sehr wie die Frage, wie – am heutigen Montag – über die Zukunft der Wagners in Bayreuth entschieden wird. Ver-Operung, wie gesagt, wenn Oper heißt, dass wir uns an eine andere, entschleunigte, emphatischere Zeitmessung gewöhnen wollen.

Die Spielzeit beginnt, und da wären wir auch wieder bei Tschechow, unserem allerliebsten, nächsten, ewigen, immer wieder neugeborenen Zeitgenossen. Der zarteste und jüngste aller Klassiker bemerkte vor über hundert Jahren Folgendes zu einem Moskauer Saisonauftakt: „Man schweigt und gähnt. Und schreibt über das Theater voller Unlust, geradezu widerwillig, als sei man angemietet. (...) Haben wir es satt, sind wir enttäuscht, – nur womit füllen wir die langen Winterabende dann? Wollen wir auch diesen Winter über disputieren?“ Der Erfolg des „Wanja“ übrigens hat seinen ermatteten und misstrauischen Schöpfer damals sehr überrascht: „Auf dieses Stück hatte ich ganz und gar nicht gerechnet.“

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