Kultur : Deutsches (Un-)Wesen

JÖRG VON UTHMANN

Die Wahlschlappe der rot-grünen Koalition in Hessen wurde in England und Frankreich nicht ohne Schadenfreude zur Kenntnis genommen - auch von Leuten, deren politisches Herz links schlägt.Von den Vorschußlorbeeren, die man dem telegenen neuen Bundeskanzler großzügig spendierte, ist nichts mehr übrig geblieben.Das Durcheinander der ersten Regierungswochen, die Angriffe des Bundesfinanzministers gegen die soeben aus der Taufe gehobene Europäische Zentralbank und seine Vorschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit mit Rezepten, an die in England niemand mehr glaubt und in Frankreich nur noch die Kommunisten, hat beinahe so etwas wie Sehnsucht nach dem alten, verbrauchten, aber jedenfalls berechenbaren Kanzler der Einheit aufkommen lassen.Die Wochenzeitschrift "Le Nouvel Observateur", die den sozialistischen Bruderparteien im allgemeinen treu die Stange hält, nannte Schröder "rätselhaft" und seine Mannschaft "provinziell, unerfahren, naiv".

Ein beträchtlicher Teil des zerschlagenen Porzellans geht auf das Konto von Umweltminister Trittin.Seine barsche Ankündigung, Deutschland werde bestehende Verträge über die Wiederaufbereitung von Atommüll nicht länger honorieren und den betroffenen französischen und britischen Unternehmen auch keinen Schadenersatz zahlen, erinnerte fatal an den "Fetzen Papier", als den Reichskanzler Bethmann Hollweg 1914 die von der Staatenwelt garantierte Neutralität Belgiens abtat.Die Pressekommentare ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.Von "Arroganz" und "Diktat" war die Rede.André Glucksmann sprach von einer "Ohrfeige".Es war nur ein schwacher Trost, daß die konservative Wochenzeitschrift "Le Point" an die "weitaus größeren Dummheiten" erinnerte, die sich Frankreich in den ersten Jahren der Ära Mitterrand geleistet habe.Der "Nouvel Observateur" bezweifelte, daß es der rot-grünen Regierung gelingen werde, Deutschlands Wirtschaftsprobleme zu lösen: "Der kranke Mann Europas ist nicht mehr Frankreich, sondern Deutschland."

Diese kategorische Feststellung klingt ein wenig wie das sprichwörtliche Pfeifen im Wald.So denkt jedenfalls nur eine kleine Minderheit.Die meisten französischen Publizisten, die sich mit Deutschland beschäftigen, fürchten eher die unberechenbare Kraft der "Berliner Republik".Dabei fehlen auch hysterische Töne nicht.So malt sich die Zeitschrift "La Une" aus, wie die Berliner, wenn sich ihre Baugruben geschlossen haben, den Blick wieder in die Ferne schweifen lassen: "Man braucht Europa gar nicht mehr zu vereinigen, um Berlin zu seiner Reichshauptstadt werden zu lassen." In ihrem Buch "La tentation allemand" erregt sich die Pariser Germanistin Yvonne Bollmann über die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und deren auffallendes Interesse für Minderheiten, Vertriebene und ungelöste völkische Fragen.Auch das System der deutschen Postleitzahlen, vermutet sie, sei so angelegt, daß der Anschluß Elsaß-Lothringens, Schlesiens und des Sudentenlands später keine bürokratischen Schwierigkeiten machen werde.Solche Nebenstimmen braucht man nicht allzu ernst zu nehmen.Die meertitudes allemands gehören in Frankreich seit 1870 zum festen Repertoire des intellektuellen Theaters.Zur Zeit des Kalten Krieges war es die Sorge, Hermann der Cherusker werde sich mit Iwan dem Schrecklichen am Lagerfeuer treffen, um die westlichen Werte am Bratspieß zu verzehren.Heute zittern die Germanophoben vor dem Eisernen Kanzler, der in Friedrichsruh erwacht und das Hohenzollernreich wiederaufrichtet.

Anders ist es schon, wenn "B-H-L" (Bernard-Henri Lévy), der Medienstar unter den französischen Philosophen, nach Deutschland aufbricht, um dem Zeitgeist auf den Zahn zu fühlen.Alle Türen stehen ihm offen, und "Le Monde" - in den Ausgaben vom 6.und 7./8.Februar - veröffentlicht seine Reiseerlebnisse auf vier engbedruckten Seiten.Lévy versucht, die Zukunft der Deutschen zu erahnen, indem er danach fragt, wie sie es mit ihrer Vergangenheit halten.Zwar schreibt er mit Recht, das Frankreichs Le Pens und Mégrets habe den Deutschen keine moralische Lehren zu erteilen.Aber er verhehlt nicht, daß ihn die Debatte zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis, der Streit um das Holocaust-Denkmal und um die Wehrmachtsausstellung beunruhigt.

Lévy ist objektiv genug, um auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die er selbst nicht teilt: Helmut Schmidt und Klaus von Dohnanyi erhalten Gelegenheit, die Wehrmachtsausstellung als einseitig und diffamierend abzulehnen.Aber es ist klar, daß er lieber Weizsäcker, Reemtsma und Bubis zuhört.Das erstaunlichste Gespräch führt er mit Joschka Fischer, der Auschwitz den socle fondateur, das deutsche Grunderlebnis nennt - so wie es die Revolution für die Franzosen sei und der Unabhängigkeitskrieg für die Amerikaner.Schiefer kann ein Vergleich schwerlich ausfallen, doch in ihm fühlt sich Lévy den Deutschen nahe.

Auch Michael Naumann, dessen Vater im Krieg fiel, hält nichts von der Wehrmacht.Doch fand er mit dieser Ansicht bei seinem englischen Gesprächspartner wenig Zustimmung.In England ist der "Wüstenfuchs" Erwin Rommel ein Held.Naumanns Ausbruch, die Briten sollten endlich damit aufhören, den Zweiten Weltkrieg zu glorifizieren, ist der "Sunday Times" vom 14.Februar immerhin eine Schlagzeile wert - wobei sie Naumann im bewährten Stil der Murdoch-Blätter als "ersten gesamtdeutschen Kulturminister seit Joseph Goebbels" vorstellt.Da sind die Franzosen entschieden weiter.Der Herausgeber des "Point", Claude Imbert, ermahnt seine Landsleute, die Deutschen als normales Volk zu behandeln und nicht immer wieder Bußakte für die Untaten der Nazis einzufordern: "Ersparen wir diesem Volk der Nachkommen die obsessive Belästigung mit den Irrwegen seiner Väter."

Die wirkliche Gefahr für ein Auseinanderleben von Deutschen und Franzosen sieht Imbert im "romantischen Irrationalismus" der Nachbarn, ihrem "ökologischen Purismus und ihrem dunklen Drang, nebelhafte Gewißheiten auszubreiten".Anders als in Deutschland gelten die Grünen in Frankreich nicht als progressive Idealisten, sondern als ältliche Blumenkinder und reaktionäre Wirrköpfe, die sich vor den ökonomischen Zwängen und den Fortschritten der Wissenschaft in eine heile Welt der Robben, Sumpflibellen und Gelbbauchunken flüchten.

Die deutschen Ängste vor den Risiken der Kernkraft werden in Frankreich nicht geteilt.Hier gilt sie als Energie der Zukunft und umweltschonend obendrein.Nicht ohne Ironie verweisen die Franzosen darauf, daß die deutsche Luftverschmutzung weit über der französischen liege und daß das Benzin in Frankreich teurer ist als in Deutschland.

Als sich fünf Tage nach Trittins undiplomatischem Auftritt sein Parteigenosse Daniel Cohn-Bendit in der Wiederaufbereitungsanlage La Hague zeigte, wurde er von wütenden Arbeitern als "Faschist" und "dreckiger Boche" beschimpft und mit Kuhfladen beworfen.Das deutsche Wesen, an dem die grünen Weltverbesserer den Rest Europas genesen lassen wollen, ist offenkundig nicht geeignet, die Vorbehalte gegenüber der "Berliner Republik" zu beschwichtigen.

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