Kultur : Deutschland, blaue Blume

Auf der großen Leinwand: Edgar Reitz’ „Heimat 3“ kommt nun nach Berlin

Peter W. Jansen

Sein Name und der Begriff sind seit 20 Jahren eng miteinander verbunden: Edgar Reitz und Heimat. Er hat das Wort von seinem in Deutschland so fatalen Blut-und-Boden-Geruch befreit und ihm den süßlichen Geschmack verdorben. Seit „Heimat“, dem fünfzehneinhalbstündigen epochalen Filmepos vom Anfang der Achtzigerjahre, ist Heimat wieder der Ort, woher man kommt und wohin man gehen mag.

Am Ende von „Heimat“ verlässt Hermann Simon, das „Hermännsche“, Dorf, Familie, Freunde, den Hunsrück. In der „Zweiten Heimat“, 26 Stunden lang, lebt, arbeitet, liebt er in München. Zu Beginn von „Heimat 3“ begegnet er in Berlin am Tag, als die Mauer fällt, Clarissa wieder, der ehemaligen Geliebten aus München. Die Wiedervereinigung des Volks ist auch die Wiedervereinigung des Paars. Gemeinsam kehren der Dirigent und die Sängerin an den Rhein und in den Hunsrück zurück. Es ist eine Heimkehr in die Romantik, aus der das gegenüber der Loreley gelegene marode Haus der unglücklichen Dichterin Günderrode stammt.

Zum Wiederaufbau kommen, von romantischen Vorstellungen vom Westen beseelt, Handwerker aus Dresden und Leipzig, weil sie noch über Fertigkeiten verfügen, die im hochindustrialisierten Westdeutschland verdorrt sind. Der Künstler als Handwerker: auch das ein Ideal der deutschen Romantik. Nicht zufällig war der Freiherr Friedrich von Hardenberg, der sich als Dichter Novalis nannte und nach der Blauen Blume suchte, Bergassessor auf der Suche nach erzhaltigen Flözen. Hermanns Tochter Lulu, Frau zwischen zwei Männern, freischwebende Abenteurerin, wird als Architektin außerordentlich praktisch sein. Sie könnte, wie Hermann Simon, eine Artverwandte des Uhrmachersohns sein, der, aus lyrischen Anfängen kommend, zum Erzähler und Filmemacher gewachsen ist und mit „Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende“ den (vorläufigen?) Schlussstein in das Gebäude seiner Deutschland-Saga setzt.

„Heimat 3“ – das sind, zwölf Stunden lang, sechs Geschichten, die Geschicke von mehreren Dutzend Personen, der Hunsrücker und der Zuwanderer. Jetzt kommen – nach den Kriegsflüchtlingen, den ausländischen Arbeitern und der Westdrift aus der DDR – die Russland-Deutschen aus Kasachstan. Auch sie entstammen den geschichtsmächtigen Tiefen der deutschen Romantik, aus den Erinnerungen und Genen der Vorfahren gespeist, und können nichts weniger als Deutsch. Sie besiedeln das von den Amerikanern freigeräumte Gelände der riesigen Militärbasis und werden bald Hunsrücker sein.

Sechs Geschichten und mehrere Dutzend Nebengeschichten: Alle zusammen sind sie mehr als nur die Addition der Teile. Mehr noch als die Menschen von „Heimat“ und der „Zweiten Heimat“ sind die von „Heimat 3“ den rasanten Veränderungen durch die Globalisierung unterworfen. Auch der Ort namens Heimat wird von den Zeitläuften entgrenzt. Dass dennoch Schabbach Schabbach bleiben kann, daran arbeiten der Film und seine Erzählung – zuweilen nicht ohne Mühen. Man wird sie, wie ein Fährtensucher, erst im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte des Films lesen können: Er musste oft neu geschrieben werden und, Folge jahrelanger Verzögerungen, der kataraktartig davonrauschenden Zeitgeschichte Tribut zollen.

Die ersten Teile („Das glücklichste Volk der Welt“ und „DieWeltmeister“) erscheinen als weiträumige Expositionen. Im lebhaften Wechsel der Orte, von Berlin an den Rhein, vom Hunsrück nach Leipzig, aus den Konzertsälen Europas auf sieches DDR-Militärgelände, werden, wie die Leninstatue, die von der Deponie im Osten in den Hunsrück gelangt, die Personen herangeführt, von denen die folgenden Teile handeln: starke Persönlichkeiten, von denen sich in „Heimat“ niemand etwas hätte träumen lassen. Da kann das Paar Hermann-Clarissa gelegentlich aus dem Blickfeld geraten, aber wer auch hinter stets neu angezettelten Geschichten zu verschwinden droht: Man kann gewiss sein, dass sie aufgehoben bleiben in der Heimat, die dieser Film ihnen bereitet.

Anders als in den früheren „Heimat“-Zyklen ist die Erzählperspektive in „Heimat 3“ nicht einheitlich. Sie wechselt zunächst mit den Erzählstimmen von Hermann zu Clarissa und macht sich dann an keiner Person mehr fest. Neben einer wunderbaren Gelassenheit der Bilder stellt sich, nicht immer zum Vorteil des Ganzen, Nervosität im Erzählrhythmus ein, zumal wenn artfremde Genres berührt werden wie die Komödie oder das Melodram. Doch dann wird uns auch ein Wirtschaftskrimi angerichtet, wie es ihn im deutschen Film bisher nicht gegeben hat.

Die Chronik unserer Zeitenwende kann freilich anders als nervös nicht sein. Weil die Einheit keine Ruhe, sondern extreme Unruhe gebracht hat und auf der Suche nach Gewissheiten nur das Ungewisse zu finden ist. Nicht die Blaue Blume, sondern ein dorniges Gestrüpp voller Risiken und Gefahren. Und voller Angst, die in den Augen der Lulu Simone Simon steht: ein bedrückendes Schlussbild am Ende nicht nur dieses Films. Sondern am Ende einer 25-jährigen Kärrnerarbeit an der Utopie, am Ende von rund 54 Stunden Film, der Apotheose des europäischen Kinos.

„Heimat 3“ in der Berliner Urania vom 3. bis 10. Oktober. Im Münchner Knaus-Verlag ist das Begleitbuch zum Film erschienen (637 Seiten, 22,90€).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben