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Marcel Reich-Ranickis Sammlung von Dichterporträts in Frankfurt

Christian Huther

Davon also ließ er sich inspirieren: Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker im Unruhestand, zeigt seine Sammlung von über 100 Schriftstellerporträts im Jüdischen Museum Frankfurt/Main. Diese von Goethe bis Grass reichende Kollektion hat er dem Jüdischen Museum geschenkt. Allerdings schweren Herzens, wie er gesteht: der Blick vom heimischem Sofa auf die Dichter, die sich in Petersburger Hängung drängten, fehle ihm. Doch Reich-Ranicki weiß um sein Alter, außerdem sind die Wände seiner Wohnung längst wieder gefüllt – mit Frauenporträts.

In der Literatensammlung sind Frauen allerdings rar. Doch der Kritiker erhebt als Kunstsammler keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Schmerzlich fehlen ihm Anna Seghers oder Hugo von Hofmannsthal, da sich keine bezahlbaren Blätter auftreiben ließen. Stattdessen gibt es Grafiken von Lessing, Schiller, Börne, Heine, Fontane oder Thomas Mann. Letzterer ist gleich zehn Mal vertreten, von der würdevollen Radierung Max Liebermanns über die karikierende Tuschfederzeichnung Eva Herrmanns bis zum Tusche-Zerrbild des Brasilianers Loredano.

Begonnen hatte alles 1967 mit einer Grafikmappe über Bert Brecht. Die sollte Reich-Ranicki für „Die Zeit“ besprechen. Das fiel ihm schwer, bis er auf ein Brecht-Porträt des Bildhauers Gustav Seitz stieß. Diese straffe Federlithografie hing lange in seinem Arbeitszimmer, sie ist neben den Liebermann-Bildern von Fontane und Thomas Mann sein wertvollstes Blatt. Ansonsten gibt sich Reich-Ranicki ungewohnt zurückhaltend. Über die künstlerische Bedeutung will er sich nicht auslassen und vermerkt lediglich, dass Grafiken eher zur Charakterisierung taugen als Fotografien. Für ihn ist es auch nebensächlich, dass er eine Sammlung mit bekannten oder vergessenen Künstlern wie Emil Orlik und Eugen Spiro aufgebaut hat. Denn er will auf vergessene, unterschätzte Schriftsteller aufmerksam machen.

Möglicherweise hat der Kritiker die Porträts aber doch stärker zur Inspiration gebraucht als er zugeben mag. Wie dem auch sei: Reich-Ranicki gebührt Respekt. Besser hätte auch ein Kunstkritiker nicht sammeln können.

Jüdisches Museum, Frankfurt am Main, bis 4. Januar 2004. Katalog 10 Euro.

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