Kultur : Deutschland im Dunkeln

Leonard Freeds schonungslose Fotografien aus den ild in der Galerie argus fotokunst

Hans-Jörg Rother

20 Jahre lag der Krieg zurück, als Leonard Freed seine Serie vom Alltag in der Bundesrepublik schuf. Doch an manchen Orten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: bei den steifen Herren etwa, die zum Renntag in Baden-Baden ihre grauen Zylinder aufgesetzt haben, oder den beleibten Gäste in Staatsrobe im Schloss Herrenhausen bei Hannover, die stilvoll an einem Sektglas nippen.

Ein Fotograf sagt nicht, was er denkt, auch nicht, wenn er als Jude nach Deutschland kommt. Er vermittelt seine Gedanken mit der Kamera, und das heißt im Fall des 1929 in Brooklyn geborenen Magnum-Fotografen Leonard Freed, dass er eine Lebenswelt zyklisch umkreist. Aus der Sphäre der Reichen gelangt er zu den Stahlarbeitern an der Ruhr und ihren 1965 grau und trist anmutenden Reihenhäusern. Er sieht den Bettler auf der Straße, zu dessen Hut sich der Sprössling feiner Eltern neugierig beugt, die ordensstolzen Schützenkönige in Düsseldorf und die türkischen Gastarbeiter, die im Kölner Bahnhof ihren heimfahrenden Freunden zuwinken. Ein Junge hält Freed das Eiserne Kreuz seines Großvaters entgegen und im Berliner Tiergarten küssen sich die Liebespaare auf der Wiese. Selbst sie scheinen vor allem der Langeweile entfliehen zu wollen, die dieses Land prägt. Wer den Stillstand auskosten wollte, der brauchte sich nur zu den Leuten auf der Autobahn zu stellen, wenn ein Stau die Kolonne der VW-Käfer zum Innehalten brachte.

Freeds Deutschland-Zyklus, zu dem auch einige vor 1961 aufgenommene Impressionen aus einer düster wirkenden DDR gehören, schmeichelt niemandem. Die einzige sympathische Person auf den fünfzig Vintage Prints, die Argus Fotokunst wiederentdeckt hat und nun zum Kauf anbietet (Preise zwischen 1200 und 2000 Euro), ist ein amerikanischer Soldat. Am Checkpoint Charly hat er seine MP lässig auf das Pflaster gelegt und sich auf dem Bordstein niedergelassen, um sein Mittagessen zu verzehren. Über ihn kann der Betrachter lächeln. Über die Alten, die festen Schritts ihre (Kriegs-)Toten auf dem Friedhof besuchen oder die Zwölfjährigen, die im Schatten der Berliner Mauer selber Mauerschützen spielen, eher erschrecken. Tiefes Schweigen und Desinteresse bei den Verlegern war dann auch die deutsche Antwort auf den 1970 in New York erschienenen Bildband „Made in Germany“.

Dass Fried alles andere als ein unversöhnlicher Kritiker, sondern vielmehr ein mitfühlender Zeitzeuge und bedeutender Fotograf ist, unterstreichen auch die wenigen den Deutschland-Bildern gegenüber gestellten, ebenfalls schwarzweißen Aufnahmen aus seiner Heimat. Da tollt eine junge Polizistin mit schwarzen Straßenkindern in Harlem herum oder genießt den Feierabend in „Little Italy“. Berühmt machte Freed auch die Aufnahme von Martin Luther King, wie er auf einer Straße in Baltimore im offenen Wagen ein Dutzend Hände drückt, die sich ihm entgegenstrecken. Auf den Gesichtern der Schwarzen liegen Hoffnung und Freude. Das war 1964. Leonard Freeds Fotografien hoffen immer auf etwas, das rar ist in der Welt.

Argus Fotokunst, Marienstraße 26, bis 31. Dezember, Mittwoch bis Sonntag 14–18 Uhr.

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