Kultur : Deutschland im Herbst

HELLMUTH KARASEK

Ein Drama an vier Schauplätzen: Heinrich Breloer hat die Ereignisse um die Entführung Hanns-Martin Schleyers 1977 zu einem zweiteiligen Film verarbeitet: "Todesspiel" - das Fernsehereignis des JahresVON HELLMUTH KARASEKAn vier Schauplätzen fanden die blutig-dramatischen Ereignisse statt, die die Bundesrepublik 1977 in ihre größte Zerreißprobe stürzten und die inzwischen als "Deutscher Herbst" Einlaß in die Geschichtsbücher gefunden haben: Es war die Auseinandersetzung zwischen einer sozial-liberalen Bundesregierung mit dem Kanzler Helmut Schmidt und den Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), die Deutschland in hybrider Selbstüberschätzung zu einem Guerilla-Kampffeld umwandeln wollten. Der erste Schauplatz war das "Volksgefängnis", wie die Terroristen die Wohnung und den Schrank nannten, in die sie den Industriellen Hanns-Martin Schleyer sperrten, nachdem sie in einem blutigen Überfall drei Polizisten und den Fahrer ermordet und den Spitzenmanager in ihre Gewalt gebracht hatten.Der zweite Schauplatz war der im Bundeskanzleramt permanent tagende Krisenstab unter Vorsitz von Helmut Schmidt, unter der Teilnahme aller politischen Gruppierungen der Bundesrepublik. Dritter Schauplatz war der zum Hochsicherheitstrakt ausgebaute Teil des Gefängnisses Stammheim in Stuttgart.Hier sitzen die Köpfe der ersten Generation deutscher Terroristen: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller, der sogenannte "harte Kern" der RAF-Bewegung, die die Entführer Schleyers, Terroristen der zweiten Generation, freipressen wollen. Helmut Schmidt spielt auf Rat der Experten auf Zeitgewinn, er setzt auf einen Erfolg der Raster-Fahndung, nachdem im Krisenstab ein Nachgeben gegenüber den Forderungen der Terroristen von vornherein einhellig ausgeschlossen wurde.Am 13.Oktober, also fünf Wochen nach der Schleyer-Entführung, kapern palästinensische Luftpiraten die Lufthansa-Boeing 737 "Landshut" mit 86 Passagieren, deutschen Mallorca-Urlaubern und fünf Besatzungsmitgliedern.Die Flugzeugentführung soll der erwünschten Freipressung der Stammheimer Gefangenen den nötigen Nachdruck verleihen.Das Flugzeug wurde der schrecklichste Schauplatz des Dramas. "Todesspiel" nennt Heinrich Breloer seinen imposanten zweiteiligen Fernsehfilm, dessen zweiter Teil am heutigen Mittwoch um 20 Uhr 15 ausgestrahlt wird.Die ARD-Produktion wird - das kann man mit Sicherheit sagen - das Fernsehereignis des Jahres darstellen: In seiner schlafwandlerisch-souveränen Mischung aus Realität und Fiktion, aus Dokumentation und Spiel, aus Zeugenbefragung und Geschehnisrekonstruktion, mit dieser Dramaturgie zeigt Breloer, wozu das Fernsehen imstande ist, was es an spezifischer Form einer gleichzeitig historischen wie künstlerischen Aufarbeitung und Durchdringung als einziges Medium zu bieten in der Lage ist.Da das Fernsehen damals über die Ereignisse rund um die Entführung aktuell berichtete, kann sich Breloer diese hautnahe Präsenz auch jetzt noch einmal voll zu Nutze machen.Und er kann sie ergänzen durch das, was wir erst nachträglich über diese Tage der Furcht und des Fanatismus, der kalten Staatsräson und der ohnmächtigen Wut wissen - es sind Bilder und Szenen von einmaliger Eindringlichkeit, die vor allem den Stempel der Authentizität tragen.Das Fernsehen als, man kann es ruhig einmal so hochgestochen sagen, Medium der Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung.Wer die beiden Breloer-Abende gesehen hat, weiß, so war es gewesen, so muß es gewesen sein. Dabei zeigt sich, daß die Ereignisse des "Deutschen Herbstes", obwohl sie "eigentlich" aus zwei terroristischen Akten und der Reaktion der deutschen Exekutive bestanden (und nicht etwa einem Volksaufstand, einem Generalstreik, einem Putsch oder gar einer Revolution ähnelten), für die innere Sicherheit und das Selbstwertgefühl des deutschen Staates und der deutschen Gesellschaft von äußerster Bedeutung waren.Die Bundesrepublik drohte aus ihren Fugen zu geraten.Indem ihr eine Handvoll zu allem entschlossener Terroristen die Pistole buchstäblich auf die Brust setzte, sah sich der Staat auf einmal in eine Rolle zurückversetzt, auf die er als Rechtsstaat in der Nachkriegsgeschichte bewußt verzichtet hatte: Er war auf einmal wieder Herr über Leben und Tod, er konnte über das Schicksal seiner Untertanen entscheiden; Helmut Schmidt und seine Berater setzten durch ihre Strategie nicht nur das Leben Schleyers, sondern auch das der Geiseln aufs Spiel.Sieht man Helmut Schmidt, den Breloer sehr nachdrücklich und eindringlich als Zeugen befragt und ins Bild rückt, dann lebt in dem ehemaligen Bundeskanzler noch immer die Erregung nach, die Bürde, die ihm die damalige Entscheidung auferlegt hat.Schmidt, der sonst ein selbstsicherer, ja hochfahrender Zeitzeuge sein kann, ist in diesem Film von einer ergreifenden Ehrlichkeit und nachdenklichen Menschlichkeit; dieser Film setzt dem Bundeskanzler in einer der Bewährungsstunden der Republik damit auch ein Denkmal. Der Ausgang des Dramas hat dem Kanzler gleichzeitig Recht und Unrecht gegeben.Recht durch die Befreiung der Geiseln von Mogadischu, die für die Opfer unblutig war (nur den Flugkapitän hatte der Rädelsführer schon vorher erschossen), und Unrecht durch die Ermordung Schleyers und den Gruppenselbstmord von Stammheim, der nicht zufällig an das paranoide Ende von Todessekten-Mitgliedern erinnerte.Mit der abenteuerlichen Legende, die in Stammheim Einsitzenden seien im Auftrag der Bundesregierung ermordet worden, setzt sich Breloer gar nicht erst auseinander. So sehr sich Helmut Schmidt dagegen wehrt und so sehr er dagegen aufbegehrt, wenn man ihn fragt, ob er aus Staatsräson gehandelt habe - ein Dilemma bleibt.Es ist das Dilemma des Rechtsstaats, der auf Todesstrafe, Standrecht und Kriegsrecht in seiner Verfassung verzichtet hat und der sich Rechtsbrechern gegenüber sieht, die den politischen Kampf entschlossen auf Leben und Tod führen wollen.Die RAF hatte sich für diese Entscheidung ein geschlossenes Wahnsystem zurechtgelegt: Sie sah sich als Teil eines weltweiten Kampfes, den das Kapital auch mit blutiger Unterdrückung gegen die Dritte Welt führte, und sie verstand sich, obwohl sie nur ein Häuflein auch psychisch Versprengter war, als Vertretung des Volks, als Sprecher der Bevölkerung, von der ja die in Dialektik pervertierte Theorie besagte, das Volk wisse nicht, was es eigentlich wolle, man müsse also stellvertretend für das Volk handeln.Gegen seinen Willen, aber zu seinem Frommen und Nutzen.Mit den mörderischen Terrorakten gegen Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7.April und die in einem Mord mündende Entführung des Bankiers Jürgen Ponto am 30.Juli hatte die RAF eines ihrer Ziele erreicht: In Deutschland war ein Klima der Hysterie entstanden, in dem der Rechtsstaat Züge des Polizeistaats annahm.Das genau war ein Kampfziel der schrecklichen Bürgerkriegsspiele um Andreas Baader: Sie wollten den Staat, den sie bekämpften, so lange reizen, bis er die Züge annahm, die sie ihm von vornherein zuschrieben. Niemand vermag zu entscheiden, wie die Bundesrepublik ausgesehen hätte, wäre Schleyer gegen die Stammheim-Terroristen ausgetauscht, wären die Geiseln von Mogadischu im Tausch freigelassen worden.Fest steht, daß, nachdem die Schleyer-Entführung schon mit brutalen Mordanschlägen begonnen hatte (die ersten Opfer, Fahrer und Polizisten, waren ja das sogenannte "Volk"), jedes Nachgeben so gewirkt hätte, als könne ein Staat verbrecherische Akte nicht mehr ahnden.Ein Nachgeben hätte den Terroristen auch Zulauf derjenigen beschert, die ihren Zielen nicht glaubten, aber die Sache des Stärkeren für die richtige Sache erachteten, nach dem Motto: Ein Staat, der nicht schützen kann, verdient auch nicht unsere Unterstützung.Es hätte Folgetäter zuhauf auf den Plan gerufen.Diese Gedanken, die die Regierung bewegten, kann, ja muß man mit Fug und Recht Staatsraison nennen.Daß Schmidt seine Verantwortung immer mit der gar nicht so unberechtigten Hoffnung betäuben konnte, man würde auch Schleyer lebend befreien können, drückt ihn heute noch schwer. Die Bilder, die Breloer für die Willkür und Hybris von Terroristen findet, für die angstvolle Würde des Opfers, werden aufgehellt durch Zeugnisse der Menschlichkeit: Die Liebesgeschichte zwischen einer der gefangenen Stewardessen und ihrem Flugkapitän, der ihr in die Wüste nachreist, hätte kein Hollywood-Film ergreifender schildern können.Sind das Lichtblicke? Wer von den jahrelangen Verstörungen der "Landshut"-Opfer weiß, wird diese Frage nicht vorschnell positiv beantworten mögen.Breloer zeigt: Das war kein Stück mit gutem Ausgang.Aber es war ein Ereignis, das sich mit absoluter Notwendigkeit vollzog.Denn wie sahen die Volksrevolutionäre aus? Der eine, der Flugzeugkaperer, war ein paranoider Antisemit, der eine Passagierin für den Besitz eines Montblanc-Füllers erschießen wollte.Die anderen, die Schleyer-Mörder, befanden in Pol-Pot-Manier: "wir haben nach 43 tagen hanns martin schleyers klägliche und korrupte existenz beendet."

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