Kultur : Deutschland ist wie Delmenhorst

Traurige Geschichten brauchen Witze: ein Gespräch über das neue Album von Element of Crime

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Seit zwanzig Jahren gibt es die Band Element of Crime. Heute erscheint das Album „Mittelpunkt der Welt“ (Universal). Wir sprachen mit Sänger Sven Regener (44) und Drummer Richard Pappik (49).

Herr Regener, haben Sie schon mal Sarah Connor getroffen?

Regener: Nein, leider nicht.

Sie kommen aus Bremen, über die Nachbarstadt Delmenhorst haben Sie gesagt: „Die haben Sarah Connor. Aber wir haben James Last.“ Jetzt beginnt das neue Album mit dem Song „Delmenhorst“. Warum?

Regener: Wir machen immer zuerst die Musik. Wir hatten ein Lied fertig, ohne Text, dann dichtet man drauflos, und diese Zeilen drängten sich auf: „Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist – und das ist immer Delmenhorst.“ Klang gut, erinnerte an „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Dann muss man nur noch rausfinden: Warum Delmenhorst, was ist da los?

Und, was ist da los?

Regener: wenig. Delmenhorst ist einfach eine Stadt, die man nicht groß auf dem Zettel hat. Deshalb war es reizvoll, diese Stadt poesiefähig zu machen.

„Hinter Huchting ist ein Graben, der ist weder breit noch tief / Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann.“ Das wirkt wie die Schilderung einer exakten Topografie, ist aber völlig austauschbar.

Regener: Huchting ist ein Stadtteil von Bremen, hart an der Landesgrenze. Die Geschichte ist die eines selbst gewählten Exils, die Verlängerung unseres Stücks „Weißes Papier“. Da heißt es am Ende: „Am liebsten wär’ ich auf einem anderen Stern, wo mich nichts an dich erinnert.“ Das kann eben auch Delmenhorst sein.

In Ihrem letzten Roman „Neue Vahr Süd“ erzählten Sie von Ihrer Heimatstadt Bremen, auch das neue Element-of-Crime-Album spielt teilweise in der Provinz.

Regener: Bremen hört das nicht gerne: Provinz.

Aber Delmenhorst darf man doch Provinz nennen?

Regener: okay. Wenn Sie auf dem „auch“ beharren: Bremen ist Provinz, aber Berlin ist es dann auch. Eine Stadt, in der so überzeugt über die verschiedenen Stadtteile diskutiert wird, zerfällt selber in viele kleine Provinzstädte.

Hat die Beschäftigung mit eher ländlichen Orten etwas mit dem Älterwerden zu tun?

Regener: nein. Wenn jetzt wer in Amerika, sagen wir: die Eagles Of Death Metal, einen Song machen würde mit dem Titel „Going To San Bernandino“, dann würde keiner sagen: San Bernandino ist gar nicht Los Angeles, was ist mit dir los?

Wenn man die 40 überschritten hat, muss man nicht permanent sagen: Ich komme aus der aufregendsten Stadt der Welt.

Regener: Auf diesen toten Hund haben wir nie eingeprügelt.

Eine gewisse Berlin-Romantik gab es schon, oder?

Regener: Aber nicht unter diesem Ding: Es ist etwas Besonderes, da herzukommen.

Pappik: „Warm sind die Nächte in Berlin“ heißt es in einem Lied. In „Vier Minuten“ gibt es noch eine Berlin-Erwähnung. Das sind zwei Lieder.

Regener: Wir wollten nie Berufsberliner sein und haben weder ein besonderes Geheimnis daraus gemacht, wo wir herkommen, noch es an die große Glocke gehängt. Man nimmt die Sachen, wie sie kommen, hat vielleicht – wie bei unserem Lied „Die letzte U-Bahn geht später“ – eine Idee von jemanden, der unter der Hochbahn sitzt, Bier trinkt an einem warmen Abend und sagt: Mensch, bald ist der Sommer vorbei.

Das Album heißt „Mittelpunkt der Welt“. Ein geografischer Ort?

Regener: Das ist erst einmal eine Liebeserklärung. In dem Titelsong heißt es: „Wo deine Füße stehen, ist der Mittelpunkt der Welt.“

Das Album wurde im Tritonus-Studio an der Schlesischen Straße in Kreuzberg aufgenommen. Ist das ein Mittelpunkt, eine Heimat?

Pappik: Wir haben da ganz viele Platten aufgenommen. Die Leute sind freundlich, die technische Ausstattung ist perfekt. An diesem Ort fühlen wir uns wohl.

Kann man es einer Platte anhören, in welcher Stadt sie entstanden ist?

Regener: Überhaupt nicht. In London haben wir 1987 „Try To Be Mensch“ aufgenommen, produziert von John Cale. Wir waren in der übelsten Bruchbude einer Schweinepension untergebracht, die man sich vorstellen kann. Trotzdem hatte uns John Cales Manager vorher angerufen und gewarnt, wir müssten uns dort unheimlich gut benehmen. Was sollen wir denn nicht machen, haben wir gefragt. Antwort: nicht auf den Boden kotzen und nicht die Vorhänge anzünden. Nachher kam raus, dass Cale zuletzt die Happy Mondays dort untergebracht hatte. Die hatten den Laden zerlegt. Die Musik hätte unterm Strich nicht anders geklungen, wenn wir sie in Berlin oder München eingespielt hätten.

Herr Regener, seitdem Sie Romane schreiben, gelten Sie als jemand, der Humor hat. Über Element of Crime heißt es hingegen immer, die Musik sei melancholisch und voller Weltschmerz. Fühlen Sie sich missverstanden?

Regener: Ja, aber nichts ist so blöd und humorlos wie jemand, der sagt: Ich habe aber auch Humor. Generell transportiert Musik immer auch Melancholie, sie hat den Beigeschmack des Vergänglichen. Es gibt bei vielen unserer Hörer immer diesen Impuls zu sagen: Das ist alles so traurig. Bei den Büchern war es umgekehrt: Ooh, wurde gesagt, ist das lustig! Doch mal ehrlich: Am Ende von „Herr Lehmann“ ist die Frau des Helden weg, sein bester Freund in der Irrenanstalt. Traurige Geschichte, so enden nicht gerade Komödien. Traurige Geschichten sind gar nicht zu ertragen, ohne dass man ein paar Witze einbaut.

Die neue Platte klingt so, wie seit „Weißes Papier“ (1993) alle Element-of-Crime-Platten klingen: Balladen zur Akustikgitarre, Sven Regeners gestopfte Trompete, Kieselsteingesang. Ist das Wertkonservatismus?

Regener: Ich kann Louis Armstrong nicht vorwerfen, dass auf seinen Platten immer diese Trompete drauf ist. Und dann immer diese raue Stimme! Auf diese Scheißidee würde doch kein Mensch kommen! Hören Sie mal, Herr Bob Dylan, Sie spielen immer diese Gitarre so komisch, könnten Sie das mal unterlassen! Das wäre eine Forderung, bei der sich jeder an den Kopf greifen würde. Das ist doch gerade die Idee einer Band, für einen bestimmten Stil zu stehen. Es gibt Ausnahmen, dass eine Band alles noch mal dreht. Aber eigentlich ist das nur den Beatles gelungen. Bands sind ein bisschen wie Tanker, etwas schwerfällig, aber auch nicht dafür zuständig, ständig den Kurs zu ändern.

Man vermisst die Überraschungen.

Regener: David Bowie wurde „Rockchamäleon“ genannt, ein Begriff, der einem sicherlich auch irgendwann zum Hals raushängt: Jemand, der dauernd seine Farbe wechselt. Das ist erstens nicht unbedingt ein Wert an sich, und zum anderen eher was für Solokünstler. Bei uns als Band gibt es zwar auch einen Kosmos, ein musikalisches Spektrum, in dem wir uns bewegen. Aber dass die Band unverwechselbar und sofort zu erkennen ist, rechne ich uns hoch an.

Interview: Christian Schröder

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