Kultur : Deutschland steht auf der falschen Seite

Putin und Schröder auf Schmusekurs – ein Hohn für die russische Demokratiebewegung / Von Anna Politkovskaja

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Wladimir Putin und Gerhard Schröder wirken in jüngster Zeit geradezu wie Zwillingsbrüder mit ihren wechselseitigen Sympathiebekundungen. Da nimmt es nicht Wunder, dass auch die deutsche Wirtschaft den russischen Präsidenten nach Kräften hofiert. Im gegenwärtigen SchröderDeutschland herrscht eine Atmosphäre der Kritiklosigkeit gegenüber allem, was der im Frühjahr 2004 für eine zweite Amtszeit gewählte Staatschef der Russischen Föderation sagt und tut. Tschetschenien? Mag dort ruhig Krieg sein, wenn nur unser Erdgas fließt. Die Verhaftung Chodorkowskis? Darüber sehen wir hinweg, Hauptsache, unsere Geschäfte florieren. Mundtot gemachte Journalisten? Nun ja, eigentlich... Die Zerschlagung der demokratischen Opposition? Eine interne Angelegenheit der Russen. Die Abrechnung mit Missliebigen unter Umgehung von Recht und Gesetz? Rassismus? Neofaschismus? Auch da mischen wir uns nicht ein.

Bei seinem Deutschlandbesuch im Dezember 2004 wiegelte Putin von vornherein sämtliche Fragen zum Tschetschenien-Krieg ab und beschied den Fragestellern dummdreist, sie könnten getrost nach Hause gehen und ihre Weihnachtsgans verspeisen, denn es gäbe keinen Krieg.

Das war eine Lüge. Doch diejenigen, denen Putin diesen Bären aufband, zuckten mit keiner Wimper. Bundeskanzler Schröder lächelte strahlend... Und dabei haben wir in Russland so lange gedacht, Deutschland stünde an unserer Seite im Kampf um Demokratie, auf Deutschland könnten wir jederzeit zählen. Jetzt steht fest: Wir haben vergebens gehofft. Deutschland steht auf der Seite Putins, nicht auf unserer. Alle Worte, alle Appelle, darunter auch meine, sind ungehört verhallt in dieser Atmosphäre der Liebedienerei vor dem russischen Präsidenten. Im Grunde zählt nur eins: Putin kann Deutsch, und das genügt, um ihm nicht nur alles nachzusehen, sondern sogar die eigenen scheinbar fest verwurzelten demokratischen Prinzipien umzustoßen, auf denen – wie wir glaubten – die bundesrepublikanische Gesellschaftsordnung so unerschütterlich ruht.

Im Dezember 2004, also erst vor wenigen Wochen, weilte eine parlamentarische Delegation des Deutschen Bundestages in Moskau. Einer der Abgeordneten bat uns, mich und Ruslan Auschew, zu einem Essen. Ruslan Auschew ist nicht nur der ehemalige Präsident der Republik Inguschetien und ein überzeugter Befürworter von Friedensverhandlungen mit den tschetschenischen Rebellen als einzig gangbarem Weg zur Eindämmung der Terrorakte in Russland; diesem mutigen Mann gelang es auch, während des Geiseldramas in Beslan im September 2004 in Verhandlungen mit den Terroristen die Freilassung von sechsundzwanzig Frauen und Kindern zu erwirken. Eine Großtat zur Rettung von Menschenleben, die ihm Präsident Wladimir Putin nicht anders zu danken wusste als mit einer ungeheuerlichen Rufmordkampagne.

Wir schilderten also dem Bundestagsabgeordneten die Situation. Er hörte uns lange und aufmerksam zu, nickte manchmal zustimmend, schien sogar so etwas wie Anteilnahme zu empfinden, jedenfalls musste er immer wieder unsere bitteren Worte über den katastrophalen Kurs, den Russland unter Putin eingeschlagen hat, mit einem kräftigen Schluck Bier hinunterspülen. Dann gähnte der Herr Bundestagsabgeordnete, zeigte Anzeichen von Müdigkeit. Ich begriff, dass es schnell zu handeln galt, und stellte meine wichtigste Frage, die für mich eigentlich der alleinige Beweggrund gewesen war, diese Einladung zum Essen anzunehmen: „Ist der Deutsche Bundestag bereit, sich aktiv einzubringen in den politischen Prozess in Tschetschenien und die Aufnahme von Verhandlungen zwischen den tschetschenischen Rebellen und der Putin-Regierung gemäß dem Konzept des Komitees der Soldatenmütter, das die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft als Vermittler zwischen den beiden Konfliktparteien gewinnen will, zu befördern?“

Damit brachte ich den Bundestagsabgeordneten nun allerdings in einige Verlegenheit. Er flüchtete sich in gummiartige Phrasen. Eine derartige Wendung war nicht nach dem Geschmack des Herrn Parlamentariers, schließlich hatten unsere Schilderungen der dramatischen Situation seinen Bedarf an politischer Exotik bereits gedeckt. Also gab er zu verstehen, dass die Antwort auf meine Frage lautete: „Nein.“

Weshalb dann dieses Essen? Wozu all die vorherigen Treffen mit anderen deutschen Parlamentariern? Stets hatten wir sie um Unterstützung gebeten – und nie Hilfe bekommen. Wenn es um etwas ging, was Präsident Putin möglicherweise unangenehm sein konnte.

Ich gebe zu, dass mich Depressionen befallen, wenn ich sehe, wie Europa sich Putins Russland gegenüber verhält. Es erinnert fatal an die Jahre des Kommunismus, an das altbekannte menschenverachtende Prinzip: Soll es DORT ruhig einen Eisernen Vorhang geben, soll DORT Tyrannei herrschen, solange wir uns nur heraushalten können und davon unbeschadet bleiben, solange Erdöl und Erdgas nur schön weiter zu uns fließen. Hat sich Europa etwa gegen Stalin gewandt, selbst als bekannt wurde, dass Russland dessen Terror mit Millionen Menschenleben bezahlt? Hat sich eine Welle der Empörung erhoben gegen Breschnews Regime der Stagnation, das eine ganze Generation russischer Intellektueller, die besten Köpfe der russischen Gesellschaft in Gefängnissen und Arbeitslagern schmachten ließ?

Jetzt ist es nicht viel anders. Europa gewährt uns das Recht, unter Putin allein vor uns hin zu sterben. Wir wollen aber nicht sterben, wir schlagen um uns, versuchen freizukommen, zu überleben, unsere neu gewonnene Demokratie zu retten.

Die russische Journalistin Anna Politkovskaja, Jahrgang 1958, wurde weltweit bekannt mit ihrem Buch „Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg“. Dieser Text ist das leicht gekürzte Vorwort zu ihrem neuen Buch „In Putins Russland“, das nächste Woche im Verlag Dumont auf Deutsch erscheint (314 S., 19,90 €).

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