Kultur : Deutschland und die Niederlande: Das Paradies ist nebenan

Rolf Brockschmidt

Grenzt Deutschland an Jugoslawien? Oder Schleswig-Holstein an die Niederlande? Eine verwegene Alternative, zierte doch zunächst die blau-weiß-rote, sprich: die jugoslawische Fahne neben der bundesdeutschen die Einladung zu einer Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland über die Beziehungen zum Nachbarn Niederlande. Der treffende Titel: "Heiter bis wolkig". Ausgerechnet! Der Schaden ist inzwischen behoben: Rot-weiß-blau leuchtet die niederländische Fahne nun von allen Plakaten, Katalogen und Flyern, und heiter gestimmt betritt man die Ausstellung.

Ausstellungsmacher Ulrich Op de Hipt setzt zunächst auf allzu Bekanntes. Auf einer großen Wand aus Fernsehschirmen sind die Stereotypen versammelt: Rudi Carrell, Frau Antje, Gullit spuckt Völler an, Linda de Mol lächelt wie immer, Beatrix heiratet Claus, und aus dem Off ertönt "Tulpen aus Amsterdam"! Fehlt nur noch die Tomate! Ein Spiel also mit den Klischeevorstellungen von einem Land, zu dem die Beziehungen traditionell zwar gut sind, das aber bei Fußballspielen und Meinungsumfragen manchmal gar nicht mehr so gut wegkommt.

Ulrich Op de Hipt begegnet diesem Widerspruch mit erlebter Geschichte, mit Alltagsbeobachtungen. Zum Beispiel im Tourismus. Nach dem Krieg packen die Niederländer ihre Caravans und fahren in die deutschen Berge, während die Deutschen an den niederländischen Stränden ihre unvermeidlichen Sandburgen bauen. Nicht immer waren die Nachbarn willkommen: "Deutsche nicht erwünscht", war damals in so manchem Schaufenster zu lesen - eine Reminiszenz an die Besatzungszeit. Karikaturist Opland sah in den kofferbepackten Autos deutscher Touristen Anfang der fünfziger Jahre neue Invasionstruppen: "Sie sind wieder da!"

Später spielt man mit den Ressentiments. So wirbt Horst Tappert als guter Deutscher und "Derrick" in einer Sandburg für das niederländische Bavaria-Bier.

Die Anfänge der deutsch-niederländischen Beziehung nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern an Berliner Verhältnisse. Stacheldraht, geschlossene Grenzen, martialische Schilder, die mit Schusswaffengebrauch drohen: "You are entering Germany. End of civilized world". Das war 1945. Bald darauf blüht der Schmuggel an der Grenze, bei dem auch vor Gewalt nicht zurückgeschreckt wird. Die in der Vitrine ausgestellten metallenen Krähenfüße der Schmuggler zeugen vom Kampf mit dem Zoll, während ein Foto ein Polizeiauto mit Besen an der Stoßstange zeigt, um die Krähenfüße wegzufegen.

Gleichzeitig überwindet die "Europa-Bewegung" Grenzen und Gräben. Zum Kongress 1948 werden die deutschen Teilnehmer in Den Haag freundlich aufgenommen. Adenauer soll die Gelegenheit genutzt haben, um sich ein paar Lederschuhe zu kaufen. Niederländer nehmen deutsche Ferienkinder auf, und Deutsche helfen bei der Flutkatastrophe von 1953. Außerdem gibt es Ben Pon, den VW-Importeur, der 1947 die ersten Käfer in die Niederlande holt und damit riesigen Erfolg hat - trotz der KdF-Vergangenheit der Nazizeit. Sogar die Amsterdamer Polizei entschließt sich, das Modell einzusetzen; der letzte weiße Käfer der Polizei ziert die Ausstellung. Eine frühe Skizze belegt, dass Ben Pon sogar den Anstoß zur Produktion des VW-Busses gegeben hat. Gleichzeitig erinnert die Ausstellung aber auch an die 255 niederländischen Studenten, die seit 1943 als Zwangsarbeiter in Wolfsburg arbeiten mussten.

In den ersten Jahren nach dem Krieg bleibt das Verhältnis ambivalent. Als Entschädigung für die Besatzungszeit erhoben die Niederländer Gebietsansprüche gegenüber Deutschland; Karten dokumentieren Begehrlichkeiten bis nach Münster und Osnabrück. Geblieben sind Elten bei Kleve und der Selfkant bei Aachen, Gebiete, die bis zum Ausgleichsvertrag von 1963 unter niederländischer Besatzung verwaltet wurden. Am Beispiel der Staatsbesuche demonstriert die Ausstellung die Schritte zur Normalisierung: Heinrich Lübke wurde noch abgelehnt, Richard von Weizsäcker mit dem "Geuzenpenninck" des Widerstands geehrt. Niederländische Truppen im deutschen Seedorf gab es im Rahmen der Nato bereits seit den 60er Jahren; der Hinweis auf das deutsch-niederländische Korps, das 1995 in Münster gegründet wurde, fehlt allerdings.

Helmut Kohls pompöser Auftritt 1979 bei einer Diskussion mit niederländischen Bürgern fehlt dagegen nicht - die selbstgerechte Aggressivität Kohls fällt heute noch unangenehmer auf als damals. Der folgende Ausstellungsraum präsentiert die niederländische Wirtschaft, bis der Besucher schließlich in den Raum der Erinnerungen gelangt. Noch einmal also das Trauma der Besatzungszeit, ein Thema, dem sich viele Künstler und Schriftsteller widmen, Armando zum Beispiel oder Harry Mulisch. Auch Cees Nooteboom kommt zu musealen Ehren, ebenso Johannes Heesters und Romy Haag. Wer weiß schon, dass Conny Froboess auch in den Niederlanden ein Star war? Und natürlich darf der Fußball nicht fehlen. In Bonn ist eine Rarität zu sehen: der einzig verbliebene Bogen von Sonderbriefmarken, die 1974 die Niederlande als Weltmeister feiern. Zu früh gefreut, zu früh gedruckt!

Heute ist man einen ganzen Schritt weiter: Herzogenrath und Kerkrade haben ihre kleine Grenzmauer niedergerissen und wollen sich zur Europa-Gemeinde "Eurode" vereinen. Das wirft zwar staatsrechtliche Probleme auf, führt aber zu reger Zusammenarbeit im Detail. Für Feuerwehrschläuche gibt es mittlerweile einen niederländisch-deutschen Adapter. Damit man einander im Notfall grenzüberschreitend helfen kann.

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