Kultur : Deutschland. Weiche. Mutter.

Berliner Ensemble: Edith Clevers Hommage an Einar Schleef

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Von Rüdiger Schaper

„Fliehen wovor. Die Kindheit abschließen, das Unmündigsein, um erwachsen zu werden und schuldig. Um mit Falten zu sagen: Das habe ich nicht gewollt. Ich bin immer dagegen gewesen. Ein ganzes Volk, was seine Vergangenheit verschlingt, das Aas unter der Erde versteckt, um es, wenn es Zeit ist, wieder hervorzuholen.“

Ein Tagebucheintrag Einar Schleefs aus dem Jahr 1981 – da hatte er „Gertrud“ niedergeschrieben, den ersten Band des monumentalen Romans seiner Mutter, seiner Kindheit, seiner deutschen Obsession. Da lebte er im Westen, der Riese aus dem Osten, dem alle deutsche Staatlichkeit eng und bedrohlich war. Schleef starb im Sommer 2001 in Berlin, einsam im Krankenhaus, als habe das selbstzerstörerische Genie dieses Theatermannes, Dichters und bildenden Künstlers noch im Tod eine schreckliche Klage und Anklage manifestieren müssen.

Schleefs Laufbahn hatte in den frühen siebziger Jahren am Berliner Ensemble begonnen. Bei Claus Peymann, dem heutigen BE-Direktor, feierte er seinerzeit in Wien mit dem siebenstündigen „Sportstück“ der Elfriede Jelinek einen seiner größten Theatertriumphe. Jetzt lädt das BE (in Koproduktion mit dem Burgtheater) zu einem „Totenfest“ für Einar Schleef. Edith Clever spielt, sie hat sich selbst inzeniert – als „Gertrud“, als deutsche Mutter.

Ein seltsamer Abend am Schiffbauerdamm: So viele Fäden laufen hier zusammen, und so vieles kommt offensichtlich nicht zusammen, was zu Schleef, zu Edith Clever, zum BE gehört. Erschien es der Solistin und ihrem Dramaturgen Dieter Sturm zu platt, auf jene Passagen im Buch „Gertrud“ anzuspielen, die vom Besuch der Mutter in Berlin erzählen, von den heiß umstrittenen ersten Premieren des „Filius“? War es Clever und Sturm nicht fein genug, in die grässliche Bedrängung der DDR-Provinz, in das Kleinbürger-Kuckucksnest Sangerhausen am Harz hinabzusteigen, wo Mutter Schleef lebte und starb, immer in Gedanken an den verlorenen Sohn?

Und natürlich hat man registriert, dass die „Gertrud“-Premiere auf den Geburtstag der Schaubühne fiel. Edith Clever hat den rigiden Zeitenwechsel an ihrem alten Haus nie wirklich verwunden. Verblüffende Parallelen: Als Edith Clever mit Peter Stein und dem Schaubühnen-Ensemble Geschichte schrieb, setzte auch der junge Schleef am Berliner Ensemble Wegmarken, hinter die das ernst zu nehmende Theater (der DDR) nicht mehr zurückfallen konnte. Hier und jetzt aber: hebt die große Schauspielerin zu einem ortlosen, zeitlosen Sprechgesang an, zelebriert Endungen und Emotionen, und ihr blaublütiger Gestus stellt sich in den auffälligsten Gegensatz zu Schleefs berserkerhafter Sprachwut.

Mit der Anrufung des Kyffhäuser, des teutonischen Olymp, setzt die Cleversche Theaterfassung der „Gertrud“ ein. Eine dunkel gewandete Frauengestalt schält sich hinter einem Gazevorhang aus der Finsternis, als hätte noch einmal Hans Jürgen Syberberg die Hand im Spiel. Nein: schwerdeutsch-lastend ist die Séance nicht, aber doch schicksalhaft-raunend. Einlullend. Zuweilen enervierend. Ein unglaublicher Kraftakt: Über zwei Stunden steht, sitzt, wiegt sich die Clever allein auf der großen Bühne, am Katzentisch der vereinsamten Witwe, unter dem großen Pappelbaum (Bühne: Thomas Gabriel), und mit einigen spanischen Reitern im Hintergrund ist die Grenzfrage, die deutsche Teilung aufreizend knapp abgetan.

Wer ist sie? Gertrud vielleicht, die mörderische Mutter Hamlets? Oder eine Penthesilea, schon weit in der zweiten Hälfte eines kriegerischen, entsetzlich einsamen Lebens? Sie kann auch komische Züge annehmen – wenn sie von „Edith“ erzählt, der Ziege. Gertruds Gegend ist ländlich, Krieg und Kriegsschäden sind noch immer spürbar, die DDR war auch, das liest man bei Schleef, ein schlecht gepflegtes, ärmliches Museum deutscher Geschichte.

Wer ist sie? „Mitten in meiner Triefigkeit bricht das auf, kippe in ein Fleischloch. Kratze mich, meine Erregung, presse Bauch und Schenkel zusammen: Ich bin läufig.“ Eine Frau über Fünfzig, die plötzlich von sexuellem Verlangen überfallen wird und nicht mehr eins sein kann mit ihrem Körper: Solche Wort muss man erst einmal aussprechen, sich zutrauen! Es sind die eindrücklichen Zeichen der Tragödie: Wie Edith Clever sich windet, wie sie sich kasteit mit Worten, als müsse etwas Totes, Ungeborenes aus ihr heraus. Und dann wieder: Was gräbt sie da mit dem Spaten das Erdreich um? Warum ist der Sohn so weit fort, dass man unwillkürlich beginnt, Schleefsche Gewaltauftritte in der Erinnerung zu durchleben; als Puntila, als Nietzsche...

„Gertrud. Ein Totenfest“ wird zur höchst persönlichen, intimen Hommage. Edith Clever liest ihn anders. Schleef, von Schleef befreit. Sangerhausen, in der Gloriole des manchmal zuckersüßen, manchmal peitschenden Singsangs der alten Schaubühne. Das DDR-Milieu, enthistorisiert und in einen ewig-düsteren Himmel über Deutschland gehoben. Die Freiheit der Interpretation, die gerade das DDR-Theater exemplarisch entwickelt hat, erscheint hier in ungewohntem Licht: keine assoziative Textzertrümmerung, sondern klassische Idealisierung. Kein Fass aufgemacht, vielmehr eine Opferschale gefüllt. Kein Prolet-Kult, sondern kultische Handlungen einer Priesterin. Hat man nicht auch nach Schleef-Inszenierungen gesagt: Es war quälend große Kunst?

Wieder am 26.9. sowie 1.und11.10.

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