Kultur : „Deutschland zeigt sich wacher, als mancher denkt“

„Die Welt zu Gast bei Freunden“: Der künstlerische Leiter der WM, André Heller, über seine Ideen und die Verführung internationaler Stars

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Herr Heller, wie kam es dazu, dass Sie das WMKulturprogramm verantworten?

Es kam dazu, weil ich durch einen unerforschlichen Ratschluss des Schicksals von Franz Beckenbauer gefragt wurde, ob ich Deutschlands WM-Bewerbung inszenieren will. Das hab ich getan – weil ich das Gefühl hatte, dass ich davon so wenig verstehe, dass ich es ausprobieren sollte. Es war freundlicherweise ein Erfolg. Dann haben mich Beckenbauer und Gerhard Schröder gefragt, ob ich das WM-Kulturprogramm kuratiere.

Haben Sie jetzt einen Zugang zum Fußball?

Ich hatte das Faszinosum Fußball unterschätzt. Ich wusste nicht, wie viele kluge, fantasievolle Wesen sich dafür begeistern. Von Bob Dylan bis Jean-Luc Godard, von García Márquez bis Baselitz haben viele Lust mitzumachen.

Welches Deutschland-Bild wollen Sie denn mit Ihrem Programm vermitteln?

„Die Welt zu Gast bei Freunden“, diesen Satz habe ich mir ausgedacht. Es geht nicht um eine Nabelschau. Wir bieten Philosophen, Schriftstellern, Wissenschaftern, Musikern, bildenden Künstlern, Theaterleuten und Filmemachern eine Plattform. Manches ist sicher speziell, aber anderes für Kinder und Erwachsene, Intellektuelle und Arbeiter gleichermaßen faszinierend.

Wieviel Zeit nimmt die Vorbereitung auf die WM für Sie in Anspruch?

Ich habe ein sehr gutes Team. Meine Aufgabe ist eher, unterschiedlichste Könner zu animieren, mitzumachen. Die Arbeit besteht oft darin, dass man die Leute schlau verführt.

Und das fällt Ihnen besonders schwer...

Naja, ich hab zum Beispiel vor einigen Tagen in London versucht, Brian Eno als Musikkurator für die Eröffnungsfeier zu gewinnen.

Haben Sie es geschafft?

Ich hab es, Gott sei dank, geschafft. Womit ich im Übrigen sehr zufrieden bin, ist, dass keine Steuergelder verwendet werden, sondern alles aus Sondermünzen finanziert wird. Da hat der Staat noch zusätzliche Einnahmen. Ich bin auch darüber froh, dass wir nicht so eine hybride Summe haben, sondern, dass es sich irgendwo zwischen 30 und 35 Millionen Euro einpendeln wird. Das klingt nach viel Geld, aber die Eröffnungsveranstaltung der Olympischen Spiele in Sydney hat 50 Millionen Dollar gekostet. Das zwingt uns, mit äußerster Kreativität zu agieren.

Sie haben mal gesagt: Das Programm werde nicht „verhellert“…

Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, diese WM-Möglichkeiten für mich zu missbrauchen. Es geht nicht um die Befriedigung meiner persönlichen künstlerischen Wünsche, sondern um gute, inspirierende Arbeitsbedingungen für andere.

Sie haben aber die letzte Entscheidung.

Die Kulturstiftung würde wahrscheinlich nichts, wogegen ich radikal votiere, beschließen. Alles wird von kompetenten Menschen unter Leitung des fähigen Staatssekretärs Göttrik Wewer beschlossen. Und Otto Schily ist ein leidenschaftlicher Anwalt unserer Sache.

Es heißt, Sie würden nicht gerade üppig bezahlt für Ihre Arbeit.

Das ist kein Thema. Wissen Sie, ich bin vom Schicksal begünstigt und erfolgreich genug. Wenn es kulturelle Ereignisse gibt, an die man sich später erinnert, ist uns viel gelungen. Das ist eine schöne Chance für dieses vereinigte Deutschland, sich international als viel wacheres, sinnlicheres, humorvolleres und weltoffeneres Land zu zeigen, als manche vielleicht denken. Aber das geht sicher nicht, indem meine Wenigkeit kommt und sagt: Ich bin der Obergescheite.

Sondern?

Indem man beim Thema Musik Paul Simon oder Eminem fragt: Wie stellst du dir das vor? Freuen wir uns auf deren Antworten. Der Gedanke schrumpft zwar immer zur Tat, aber es schaut nicht so schlecht aus.

Das Gespräch führte Esther Kogelboom.

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