Kultur : Deutschlandfahne: Flagge zeigen

Knut Ebeling

Es gab einmal eine Zeit, in der die deutsche Fahne in der Kunst verboten war. Entweder kam das schwarz-rot-goldene Tuch in der Kunst nicht vor, die sich als das Ausserhalb jener graumelierten humorlosen Zone definierte. Und wenn die Fahne doch einmal verwendet wurde, dann wurde sie verhöhnt und verlacht.

Jetzt scheint die Zeit der Fahnenfreiheit für die Kunst abgelaufen. Man staunte nicht schlecht, als der junge Berliner Künstler René Lück die überdimensionierte Einladungskarte seiner Ausstellung bei Koch und Kesslau fett mit Schwarz-Rot-Gold bedruckte. Volltreffer! Der Schlag in die Magengrube westdeutscher Verdrängungskünste saß präzise. Und Lück nahm dabei seine Provokation mit keiner Geste zurück. Kein Hinweis darauf, dass es sich hier gerade nicht etwa um ein künstlerisches Vertriebenentreffen westdeutscher Republikflüchtlinge handelte. Der Schock über die ungebrochene Verwendung der nationalen Signalfarben zeigte, dass Lück offenbar den blinden Fleck des artistischen Selbstverständnisses vor und nach dem Mauerfall getroffen hatte: Kunst hatte schließlich nicht national zu sein. Und was mit Nation zu tun hatte, konnte unmöglich Kunst sein.

Was bei Lück noch als vereinzelter Gag erschien, kehrte wenige Wochen später verstärkt zurück. Die Galerie Mehdi Chouakri verschickte zu ihrer Ausstellung "Berlin Republic" Folder, die außen im diskreten Weiß der Galerie gehalten waren. Sobald man sie entfaltete, funkelte einem das Schwarz-Rot-Gold einer fotografierten Deutschlandflagge entgegen. Stolz flatterte die Fahne im Winde, von der Sonne beschienen. Es hätte sich auch um ein Wahlplakat der CDU handeln können.

Was war geschehen? Hatte sich der Wind in der Kunstwelt gedreht? Hatte man nach all den öden Jahren wieder Lust, Flagge zu zeigen, oder war die Nationalstolz-Debatte peinlicherweise in den Kunstkontext gekippt? War das alles ein derb-deutscher Spaß, oder will die Berliner Kunstszene, nach vielen Flautengerüchten, pünktlich zur gestern eröffneten Berlin-Biennale zeigen, von wo der Wind weht? Ein Mitarbeiter der Galerie Chouakri ließ verlauten, die Fahne, das sei Berlin - und fügte augenzwinkernd hinzu, man wisse selber, dass man die Einladung auch mit einem Plakat der Union verwechseln könne.

Tatsächlich braucht man sich nicht zu wundern. Spätestens, seit die Volksbühne mit gut gebräunten Köpfen der Daimler-Chrysler-Generation für sich wirbt, weiß man, welches ästhetische Potenzial die Motiv-Verkehrung von Bankwerbung zu Kunsteinladung haben kann. Doch der Tausch der Zeichen ist selbst nur Zeichen einer ästhetischen Krise: Wo nichts mehr geht, geht nur noch, was gar nicht geht. Getreu dem Motto, dass nichts so subversiv ist wie das Affirmative, wird die Fahne plötzlich zum letzten Schrei.

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