Deutschlandradio Kultur : Der erste Auftritt

Talentschmiede der Klassikwelt: 50 Jahre "Debüt im Deutschlandradio Kultur“. Zwar war die Förderung von Nachwuchsstars durch Konzerte spätestens seit den siebziger Jahren nichts Besonderes mehr, doch ihren Ausnahmecharakter bewahrte die Reihe – vor allem, weil Cuillerier und seine Kollegen lange prüften, ehe sie jemand engagierten.

Jörg Königsdorf

Manchmal reichten Jean Cuillerier wenige Minuten. Damals an der Nürnberger Musikhochschule zum Beispiel, als er eine junge Sopranistin mit einem Lied des französischen Romantikers Henri Duparc hörte. „Da wusste ich auf Anhieb: Das wird etwas!“, erinnert sich der 67-Jährige. Cuillerier verpflichtete das Ausnahmetalent für sein „Debüt im Deutschlandradio Kultur“. Wie oft sollte die Zeit ihm auch diesmal recht geben: Vor vier Jahren gab Measha Brueggergosman ihr Berlin-Debüt in der Konzertreihe, seither ist die Kanadierin nicht nur öfter nach Berlin zurückgekehrt, sondern auch zu einem Star des Klassikjetsets geworden.

Brueggergrosman ist eines der jüngsten Beispiele für den Spürsinn, den Cuillerier und seine Vorgänger in den vergangenen fünfzig Jahren bewiesen haben. Quasi vom ersten Abend im November 1959 an wurde die Reihe zur überregional beachteten Plattform für die Klassikgrößen von morgen und ein Auftritt bei „RIAS stellt vor“, wie die Konzerte zu Westberliner Zeiten hießen, zum Gütesiegel im Lebenslauf. Daniel Barenboim und Jacqueline du Pré, Simon Rattle, Jessye Norman und Ewgenij Kissin – sie alle absolvierten ihren ersten Berliner Auftritt in dem gefragten Klassik-Talentschuppen, und fast alle der etwa 500 Musiker, die hier auftraten, haben, wenn nicht überragende, doch immerhin respektable Karrieren gemacht. Was anfangs sicher auch daran lag, dass die Idee einer Kombination junger Solisten und Dirigenten in einem Konzert Ende der fünfziger Jahre weitgehend konkurrenzlos war und der besonderen geopolitischen Situation Westberlins zuzuschreiben ist: In der Dreisektorenstadt sollte die Reihe der Begegnung von Künstlern aus verschiedenen Ländern dienen: Zwei Solisten und ein Dirigent unterschiedlicher Nationalität, lautet die Faustregel, nach denen die Besetzungen zusammengestellt wurden und immer noch werden.

Zwar war die Förderung von Nachwuchsstars durch Konzerte spätestens seit den siebziger Jahren nichts Besonderes mehr, doch ihren Ausnahmecharakter bewahrte die Reihe – vor allem, weil Cuillerier und seine Kollegen lange prüften, ehe sie jemand engagierten. „Liebe auf den ersten Blick gab es bei mir nicht“, bekräftigt der Redakteur, „der Hauptteil der Arbeit war immer das Sammeln.“ Sammeln hieß für Cuillerier: die Kontakte zu Agenturen pflegen, das Internet durchforsten, aber auch herumreisen, zuhören – und dem eigenen Urteil vertrauen. Was auch erklärt, dass einige der Stars des Klassikbusiness nicht bei ihm auftauchten: Hélène Grimaud beispielsweise lehnte der gestrenge Redakteur, der selbst eine Ausbildung als Tonmeister besitzt, ebenso ab wie David Garrett.

Dem gebürtigen Franzosen, der die Reihe zwanzig Jahre, von 1988 bis 2007 betreute, ist es zu verdanken, dass das „Debüt“ neben den drei – von Anfang an vom Deutschen Symphonie-Orchester (damals noch RIAS-Symphonieorchester) bestrittenen – Orchesterkonzerten pro Jahr eine zweite Schiene einführte: Seit 1988 präsentierte die Reihe auch Kammermusik. Die Quartett- und Liederabende, Solorecitals und Programme mit Spezialensembles erweiterten nicht nur die Angebotspalette, sondern waren auch eine Reaktion auf die immer größere Menge an Spitzentalenten, die so kostengünstiger als im orchestralen Rahmen präsentiert werden konnten. Wenn man alle Top-Talente nach Berlin holen wollte, müsste man etwa doppelt so viele Konzerte veranstalten, schätzt Cuillerier.

Für das Ansehen der Reihe spricht, dass viele der einstigen Debütanten auch am Dienstag beim Jubiläumskonzert mit dabei sind: die Geigerinnen Isabelle Faust und Baiba Skride, oder auch der kanadische Pianist Anton Kuerti, der beim allerersten Konzert vor fünfzig Jahren mit dabei war. Einen Teil des Abends wird Gerd Albrecht dirigieren: Als Deutschlands damals jüngster Generalmusikdirektor 1963 sein RIAS-Debüt absolvierte, begleitete er niemand Geringeren als Bruno Leonardo Gelber und Jacqueline du Pré. Wer wäre da nicht gern dabei gewesen!

Das Jubiläumskonzert findet am 3. November in der Philharmonie statt.

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