Kultur : Deutschsprachiger Gesang

Die Berliner Autorin Inka Parei hat den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewonnen. Doch in diesem Jahr war die Debatte in Klagenfurt glanzvoller als die meisten Texte

Marius Meller

Warum gleich eine neue Kirche gründen, wenn ein Papst es sich ein bisschen zu gemütlich macht? Warum dann – ein halbes Jahrtausend später – nach „ökumenischem Abendmahl“ verlangen, wenn die Hostie mal etwas flau schmeckt? Riten sind schützenswert, sie müssen heute unter Artenschutz gestellt werden wie Buckelwale. Wenn sie sich in Systemen gänzlich auflösen, fehlen die Formen, in denen wir die Ereignisse wahrnehmen können – wenn sie dann doch eines Tages eintreten.

So fordern kritische Geister regelmäßig, auch dieses Jahr, die sofortige Einstellung des Klagenfurter Wettbewerbs um den Ingeborg-Bachmann-Preis, der renommiertesten Auszeichnung für deutschsprachige Nachwuchsschriftsteller. Das liegt daran, dass diese Klagenfurt-Kritiker lutherisch polternd Ritus und Geist aneinanderscheppern lassen, dass sie verdrossen sind, wenn mal wieder kein literarischer Gottmensch herabsteigt und sich mit ihnen gnadenreich in das kärntnerische Bettchen legt, das der Literaturbetrieb in Form des Klagenfurter Procederes so hübsch bereitet hat. Mag sein, dass Literaturgottmenschen gar nicht in Bettchen liegen wollen. Es heißt, dass immer öfter Jungautoren dem Ruf nach Klagenfurt nicht folgen. Aber eine gute Bergpredigt schreibt sich auch für Halbgötter nicht von selbst, der Geist weht wo er will.

Schon zum 27. Mal traf sich „heuer“, wie in Klagenfurt auch Nicht-Österreicher gerne sagen, der Literaturbetrieb im pittoresken Städtchen, das wenige Kilometer von der italienischen und slowenischen Grenze entfernt am Wörthersee paradiesisch lässig vor sich hin dümpelt. 1977 von Marcel Reich-Ranicki im Geburtsort der vier Jahre zuvor gestorbenen Ingeborg Bachmann ins Leben gerufen (auch weil nach dem qualvollen Siechtum der Gruppe 47 endlich wieder etwas Kontur gewinnen sollte im wabernden deutschen Sprachraum), hatte der Wettbewerb von Anfang die bis heute gültige Liturgie: Eine Jury von Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Autoren reagiert mit Spontananalysen und -wertungen auf halbstündige Lesungen der schreibenden Blüte der deutschsprachigen Jugend. Jedes Jahr wird natürlich ein bisschen nachjustiert an den Stellschrauben dieses eigentümlich robusten Apparats: Mal mehr, mal weniger Juroren, mal durften die Kunstrichter Texte vor dem Wettbewerb nicht lesen, mal doch, seit 1989 wird die viertägige Veranstaltung live im Fernsehen übertragen. Und natürlich gibt es auch einen Inflationsausgleich der Preisgelder (heuer insgesamt 50000 Euro). Aber an der Struktur des „Bewerbs“, wie man in Österreich sagt, änderte sich nichts: Die Texte sollten der Kritik möglichst nah auf die Pelle rücken und andersrum. Dieses Jahr wurde die Jury auf neun Köpfe aufgestockt und überhaupt – bis auf den Schriftsteller und brillanten Textanalysator Burkhard Spinnen – völlig ausgewechselt. 18 statt 16 Autoren wurden diesmal zum Vorlesen eingeladen.

Dass Iris Radisch, die neue Jury-Vorsitzende, „ihre“ Crew schon vor Wettbewerbsbeginn überschwänglich lobte, war zwar unbescheiden, aber berechtigt. Das Niveau der Debatte war höher als im letzten Jahr, auch wenn man bisweilen das jahrelang eingespielte Ping-Pong-Team Denis Scheck / Burkhard Spinnen vermisste und letzterer ohne sein rhetorisches Alter Ego ein wenig melancholisch wirkte. Nur die Jurorin und Schriftstellerin Friederike Kretzen war nicht in Form: Ihre Statements waren ähnlich hermetisch wie die kryptische Öko-Prosa des Lyrikers Oswald Egger, der ohne Blumentopf nach Hause fahren musste, - nur klangen sie nicht so schön skurril.

In ihren Entscheidungen konnte die Jury nur zum Teil überzeugen. Die meisten Leute vom Fach im Publikum favorisierten den 1964 in der Türkei geborenen, in Deutschland aufgewachsenen Feridun Zaimoglu, der den ehrenvollen zweiten Preis bekam, den mit 10000 Euro dotierten „Preis der Jury“.

Der Macho und die Duftlampe

Zaimoglus in sich abgeschlossener Text „Häute“ erzählt, wie ein assimilierter Deutsch-Türke, ein Gastarbeiterkind, ein Dorf in seinem Herkunftsland besucht und mit den atavistischen Gebräuchen, mit einer atavistischen Sprache konfrontiert wird. Mit der Objektivität eines Ethnologen, ohne dessen wissenschaftliche Kälte, Anteil nehmend, aber der unüberbrückbaren Differenzen bewusst, beschreibt Zaimoglu seinen Herkunftskomplex. Der Erfinder der „Kanak-Sprak“ und Autor des großartigen Buches „German Amok“ vom letzten Herbst hat mit seinem Wettbewerbstext etwas für ihn Neues ausprobiert: Der Text ist langsamer als seine früheren Texte, konstruktiv raffinierter gearbeitet. Unter der Haut des Textes ist eindringlich elegant eine Motivkette verschiedener „Häute“ eingearbeitet: Vom Tattoo über die Jungfernhaut bis zur „Haut“ des Textes. Und Zaimoglu ist sprachstark. So stark, dass eine Jurorin anmerkte, seine Literatur sei das genaue Gegenteil von blutleer, sei prall mit Blut gefüllt. Diese Äußerung hatte auf dem Hintergrund des sexuell aufgeladenen Textes „Häute“ einen phallischen Unterton, der aber ziemlich gut zu Zaimoglus emphatischen Begriff von Männlichkeit passt, der alle seine Bücher durchzieht. Auch ein Phallus kann die Bedingung der Möglichkeit von Moral sein – so könnte man Zaimoglus post-gender-Poetik zusammenfassen. Er etabliert literarisch die Figur des positiven Machos.

Aber Zaimoglu ist im Grunde ein durchgesetzter Autor, so ist trotz vielfältig geäußerter Bedenken vielleicht nicht ganz so schlecht, dass die 1967 geborene Wahl-Berlinerin Inka Parei den Ingeborg-Bachmann-Preis (22500 Euro) bekam. Sie veröffentlichte 1999 den viel gelobten Kurzroman „Die Schattenboxerin“ und erfand einen eindrucksvollen Stil der wuchernden, melancholischen Umweltbeschreibung. Parei ist gewiss eine ernstzunehmende Begabung. Aber vom Standpunkt des Kritikers wurde hier ein Blankoscheck ausgestellt, dessen Einlösung ungewiss ist. Ihr streckenweise quälend langsames Anfangskapitel eines Romanes über einen alten Großstadt-Einsiedler traf zwar den Geschmack der Jury und des Fernsehpublikums (sie bekam zusätzlich den per TED ermittelten Publikumspreis von 5000 Euro). Aber der Text verbreitete mit eher schlichten Mitteln und in der Art von Duftlampen eine sentimentale Gemütlichkeit, die Besuchern von Kuschelsitzecken in Provinzbuchhandlungen zusagt.

Die Gewinner des dritten (3sat-Preis, 7500 Euro) und vierten Preises (Ernst-Willner-Preis 5000 Euro) können aber angesichts der unberücksichtigen Kandidaten Henning Ahrens, Gregor Hens (ein bisschen schnöselig) und auch Katrin De Vries (absolut unterschätzt) nur als nett gemeinte Notlösungen bezeichnet werden. Der dritte Sieger Farhad Showgi, Jahrgang 1961, lieferte ein hübsches Prosagedicht, das etwa im Vergleich mit der grellen Science-Fiction Episode aus Henning Ahrens ( „Lauf Jäger lauf“, 2002) neuem Roman ziemlich bescheiden wirkte. Manchmal kann man eben doch Äpfel mit Birnen vergleichen, es scheint, als sei hier bloß eine Gattung ausgezeichnet worden, nicht ein Text. Auch die vierte Siegerin, die 1973 geborene Ulla Lenze, ist eine Begabung. Aber letztlich profitierte ihr Romanauszug „Schwester und Bruder“ von der Uneinigkeit der Jury in Sachen Henning Ahrens.

Also, bis nächstes Jahr in Klagenfurt! Möge die Institution des Bachmann-Wettbewerbs so lange existieren wie die apostolische Kirche. Denn alle literarischen Götter sind kommende Götter. Und sie sehen aus der Nähe betrachtet so aus wie du oder ich. Dem folgt deutschsprachiger Gesang.

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