Kultur : Deutschstunde

Dem Publizisten Klaus Harpprecht zum 80.

Hermann Rudolph

Er kann es nicht lassen, auch nicht, wenn ein runder Geburtstag ansteht. Im eben ausgelieferten Heft der Zeitschrift „Neue Gesellschaft“, die Klaus Harpprecht mitherausgibt, nimmt er die „ Neocons“ aufs Korn, die Wanderer von links nach rechts: zwei Seiten, locker, ironisch, ein Blick nach Amerika, ein Blick nach Frankreich, den beiden Wahl-Heimaten. „Je linker ich war, umso rechter ich werd ...“ heißt die Quintessenz, mit der er am Ende zusticht und für die er seine Urheberschaft bekennt, zusammen mit Richard Löwenthal, der legendären Größe der alten Bundesrepublik.

Auch diese Glosse belegt sein ungeheures Bedürfnis, seiner Zeit, unserer Zeit auf die Spur zu kommen, sie kritisch zu spiegeln und ihr, wo möglich, auf die Sprünge zu helfen; sie wird auch durch die 80 Jahre nicht gebremst, die Happrecht an diesem Mittwoch vollendet. Unermüdlich führt er die Existenzform fort, mit der er seit sechs Jahrzehnten diese Republik begleitet und befruchtet hat – als Journalist, als Essayist, als Autor und Berater. Um so deutlicher macht das Datum – das nicht ohne bilanzierenden Rundblick abgehen kann –, dass hier eine Biografie exemplarisch für eine wichtige Wegstrecke der deutschen Nachkriegsgeschichte steht.

Der schwäbische Pfarrerssohn hat diese Existenz schon früh begriffen als eine „Reise auf den Spuren der Freiheit“, die begann, als er 1945 „in einer viel zu großen und arg schäbigen Uniform an brennenden Dörfern vorbeischritt, die er nicht retten konnte und auch nicht zu verteidigen gedachte“. Es ist das Urerlebnis einer Generation. Bei Harpprecht erfüllt es sich in einer stürmischen Laufbahn in der Medienwelt, erst Rundfunk, dann Fernsehen, erst Bonn, Berlin, dann Amerika, dann S. Fischer-Verlag, „Monat“, „Geo“, lauter erstklassige Adressen.

Aber zur wichtigsten Gestalt für ihn wird Willy Brandt, und seine Arbeit als „Chef der Schreibstube“ bildet einen Höhepunkt seines politisch-publizistischen Lebens. Der Wandel von der „bürgerlichen Person“, die sich bei einer frühen Berührung mit dem Brandt-Kreis noch „ein wenig exotisch“ vorgekommen war, zum Sozialdemokraten beschreibt die große innere Kurve dieses Lebens. Sie war nichts Geringeres als die Konsequenz des Ringens um die deutsche Frage, genauer: um die Fragen an Deutschland nach der Katastrophe. Wenige haben sich diesem endlosen, dunkel geränderten Stoff so gewidmet wie er.

Für nun schon ein Vierteljahrhundert hat die Bahn dieses Lebens in die Existenz des freien Autor geführt. Ihr verdanken wir eindrucksvolle Bücher, über den Weltreisenden und Revolutionär Georg Forster, über Thomas Mann, das deutsche Epochen-Monument, zuletzt über Harald Poelchau, den Seelsorger von Ploetzensee: Alles Zeugnisse jener Welterkundung und Freiheitssuche, die den roten Faden dieses Lebens bildet. Insofern täuscht das südfranzösische Domizil, in dem er zusammen mit seiner Frau Renate Lasker-Happrecht lebt: kein luxurierender Rückzug, sondern Rückhalt unermüdeter Aktivität.

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