• Deutschtürken und Erdoğan: Wir brauchen mehr Rückhalt aus der Mitte der Gesellschaft

Deutschtürken und Erdoğan : Wir brauchen mehr Rückhalt aus der Mitte der Gesellschaft

Die Missstände in der Türkei sind ein europäisches Problem – mit komplizierten Folgen für junge Deutschtürken. Ein Gastbeitrag.

Necati Öziri
Politische Spaltung. Deutschtürkische Bürger und Bürgerinnen stehen am 27. März 2017 an, um beim Referendum ihre Stimme für oder gegen Erdoğan abzugeben.
Politische Spaltung. Deutschtürkische Bürger und Bürgerinnen stehen am 27. März 2017 an, um beim Referendum ihre Stimme für oder...Foto: AFP PHOTO / Odd ANDERSEN

„Was passiert eigentlich gerade in der Türkei?“ Ich weiß nicht, wie oft mir in den letzten Monaten diese Frage gestellt wurde. Zu oft. Denn die Frage ist doppelt falsch: Erstens signalisiert sie mir, dass die Fragenden mich – einen Deutschen mit Migrationszuschreibung – immer noch nicht als Deutschen wahrnehmen, sondern von einem Türken wissen wollen, was in der Türkei so los ist. „Wieso stimmt ihr alle für Erdoğan?“ oder „Warum findet ihr plötzlich alle die Todesstrafe gut?“ sind alternative Ausdrücke dieser Gesinnung. Zum anderen hält die Frage den Abbau der Rechtsstaatlichkeit in der Türkei auf Distanz, als handele sich nur um eine innenpolitische Herausforderung der Türkei. Viel zu spät wurde erkannt, dass die politische Spaltung der Türkei eine europäische Angelegenheit ist, worauf jüngst Deniz Utlu in seinem Essay „Europa endet nicht am Bosporus“ hingewiesen hat.

Tatsächlich aber balancieren mit mir viele junge Deutschtürken in der Beantwortung dieser Frage auf den – auch politischen – Grenzen unserer Identität. Als junge Menschen haben wir gelernt, was es bedeutet, als Kinder sogenannter Gastarbeiter (zum Beispiel im Ruhrgebiet) aufzuwachsen. Ich und viele andere Gastarbeiterkinder verbrachten unsere Jugend draußen auf der Straße, weil zu Hause Väter wüteten, die in Deutschland als schlecht verdienende Arbeitsmaschinen funktionierten. Wir lebten damit, dass auf unseren Zeugnissen unsere Namen falsch geschrieben wurden. Wir schlugen uns mit der Polizei oder dem Ausländeramt rum. In dem Sommer, als ich 18 wurde, verschwanden viele meiner Freunde ohne Migrationsdefizit einer nach dem anderen. Manche wurden abgeschoben, andere landeten im Gefängnis, obwohl das Jugendstrafrecht die soziale und familiäre Situation berücksichtigt, andere mussten in die Entzugsklinik, weil Drogen die sozial-familiäre Situation nicht interessieren.

Die Bundesrepublik hat es lange verpasst, Deutschtürken anzusprechen

Es ist mir wichtig zu betonen, dass dies keine kulturellen oder ethnischen Probleme sind, sondern häufig Probleme, die das Aufwachsen am sozialen Rand kombiniert mit Rassismus und struktureller Diskriminierung in Deutschland mit sich bringen. Manche dieser abgehängten Menschen wählen heute die AKP. Auch weil Erdoğan der erste türkische Regierungsvertreter ist, der den Türken im Ausland ein Zugehörigkeitsgefühl gibt, nicht zuletzt mit einem eigens dafür eingerichteten Ministerium. Die Bundesrepublik hat es lange verpasst, die deutschtürkischen Bürgerinnen und Bürger direkt anzusprechen. Der Brief von Sigmar Gabriel an die in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken ist ein erster, längst überfälliger, wenn auch nur symbolischer Schritt in diese Richtung.

Zur Person

Necati Öziri wurde 1988 in Datteln geboren. Er hat Philosophie, Germanistik und Neue Deutsche Literatur studiert. Sein Debütstück Vorhautwurde 2014 am Ballhaus Naunynstraße uraufgeführt.  Öziri ist Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin, wo derzeit sein Stück „Get deutsch or die tryin‘“ läuft. In den letzten beiden Jahren war er der künstlerische Leiter des Studio я im Gorki Theater.

Vielen ist aber eben doch noch in Erinnerung, wie die Bundesregierung 2005, als die Türkei noch zu den reformbereitesten Ländern Europas gehörte, sich dezidiert gegen einen EU-Beitritt der Türkei gestellt hat. Paradoxerweise sehen sich viele Politikerinnen und Politiker heute angesichts der jüngsten Entwicklungen in der Türkei in ihrer damaligen Entscheidung bestätigt, obwohl diese doch mit zur heutigen Situation beigetragen hat.

Necati Öziri, geboren 1988, ist Dramaturg am Maxim Gorki Theater.
Necati Öziri, geboren 1988, ist Dramaturg am Maxim Gorki Theater.Foto: Anne-Marie Sanders

Aber es gibt mindestens genauso viele entgegengesetzte Lebensläufe junger Deutschtürken. Heute leben in Deutschland mehr und mehr deutschtürkische Schriftstellerinnen, Journalisten, Anwältinnen oder Künstler. Sie hatten Glück, denn ohne Glück geht es nicht, und sie haben mit doppelter Leistung und Fleiß ihren Weg gefunden, denn nur Glück reicht auch nicht. Sie mussten – verglichen mit vielen ihrer deutschen Mitschülerinnen und Mitschüler – doppelt so gut sein, weil sie sich nicht mit der Hälfte zufriedengeben wollten. Aus ihnen wurden kritische Köpfe, die gelernt haben, alles zu hinterfragen und sich auf niemanden zu verlassen. Diese Menschenrechtlerinnen, Schriftsteller, Anwältinnen gehören zu den schärfsten Kritikerinnen und Kritikern Erdoğans. Und nun verschwinden sie wieder – nach und nach, wie in dem Sommer, als ich 18 war –, weil die türkische Regierung sie festnehmen lässt, sogar in der EU.

Diesen kritischen Stimmen gilt es jetzt den maximalen Schutz zu geben, nicht nur, weil die deutsche Regierungspolitik der letzten zehn Jahre viele der sogenannten Erdoğan-Anhänger selbst produziert hat, sondern weil das die staatliche Schutzpflicht umfasst. Der Dramaturg und Autor Tunçay Kulaoğlu hat beispielsweise unlängst gefordert, alle türkischen Suchbefehle von Interpol und Europol zu veröffentlichen, damit die jeweils betroffenen Menschen Bescheid wissen. Wusste etwa nur die spanische Polizei, dass der Schriftsteller Doğan Akhanlı gesucht wurde und nicht die deutsche? Wieso wurden keine Schutzmaßnahmen ergriffen? Weshalb wurde Akhanla nicht gewarnt?

Jeder von uns könnte der oder die Nächste sein

Signale der Solidarisierung mit diesen kritischen Stimmen jenseits von Symbolpolitik und Twitter sind längst überfällig. Nicht nur werden viele einerseits müde, als Deutschtürken Pressesprecher einer ganzen Generation zu werden. Sie versuchen auch im Kreuzfeuer politischer Identitätskämpfe, einen Weg zu finden, den türkischen Staat schonungslos zu kritisieren, ohne dabei dem rechten Lager in Deutschland in die Karten zu spielen. Dafür brauchen sie den Rückhalt aus der Mitte der Gesellschaft in doppelter Hinsicht: sowohl angesichts der Festnahmen durch die türkische Regierung als auch angesichts rassistischer Angriffe in unserem Land. Auch die Reflexion deutscher Mitverantwortung und vergangener Versäumnisse gehört dazu.

Denn gerade die letzten Vorfälle zeigen, dass die politische Entwicklung in der Türkei nicht nur Deutschtürken angeht, sondern alle Deutschen, die sich für ein offenes, demokratisches Europa einsetzen. Deniz Yücel, Doğan Akhanlı, Peter Steudtner sind deutsche Staatsbürger, die festgenommen wurden. Jeder von uns, mit oder ohne Migrationsdefizit, könnte der oder die Nächste sein. Es sind nicht nur „türkische Missstände“, sondern europäische und ihre Auswirkungen werden nicht innerhalb der türkischen Grenzen bleiben.

Öziris Stück „Get deutsch or die tryin’“ läuft wieder am 27.9., 19.30 Uhr im Gorki.

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