Devendra Banhart : Hausmusik eines Exzentrikers

Zwischen Wunderkind und Wahnsinnigem: Folk-Erneuerer Devendra Banharts neuntes Album „Ape In Pink Marble“ ist abwechslungsreich wie immer.

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Der 35-jährige Musiker Devendra Banhart. Foto: Warner
Exzentriker des Folk. Der 35-jährige Musiker Devendra Banhart.Foto: Warner

Folk, sollte man meinen, ist eine traditionelle Musik, die seit Jahrhunderten unverändert mit akustischen Instrumenten gespielt wird, mit Gitarre, Fidel, Flöte und vielleicht noch Dudelsack. Falsch. Wahrscheinlich hat kein anderes Genre in den letzten Jahren so viele Metamorphosen durchgemacht. Ein neues Folk-Revival brachte einerseits das Phänomen des Stadion Folks hervor, chartstaugliche halbkritische Wohlfühlmusik, wie sie etwa Mumfords & Sons in großen Arenen spielen, andererseits inzwischen gar nicht mehr so nischige Nischenkulturen wie Psychedelic Folk, Freak Folk und Weird Folk. Folk boomt.

Als Anführer von Freak und Weird Folk gilt Devendra Banhart. 1981 in Houston, Texas geboren, zog er nach der Trennung seiner Eltern mit seiner venezolanischen Mutter nach Südamerika und wuchs später in Los Angeles auf. Banhart trägt einen echten Hippie-Vornamen: Devendra ist in Indien ein Synonym für Indra, Gott der Götter. Die Eltern übernahmen ihn von ihrem Guru Prem Rawat. Der zweite Vorname Obi verweist auf den Laserschwertritter Obi-Wan Kenobi aus „Star Wars“.

Niemals nachlassende Produktivität

So war die Musik von Anfang an mit Banhart. Mit zwölf schreibt er seine ersten Songs zur Gitarre, während seines dann abgebrochenen Studiums an der San Francisco Art Academy tritt er in Clubs und Kneipen des In-Viertels Castro auf, erste Erfolge feiert er in Paris. Sein Debütalbum hat Devendra Banhart 2002 veröffentlicht, er brachte es von den einflussreichen Indie-Labels Young God Records und XL Recordings bis zum Warner-Unterlabel Nonesuch, wo er Label-Kollegen wie Ry Cooder, Conor Oberst und die Black Keys hat. Gerade ist dort seine neunte Platte „Ape In Pink Marble“ erschienen.

Die einen hielten Devendra Banhart für ein Wunderkind, die anderen für einen Wahnsinnigen. Vielleicht ist er beides. Dafür sprechen seine Bereitschaft, Instrumente auch schon aufzunehmen, bevor er sie richtig beherrscht, und seine niemals nachlassende Produktivität. Gleich geblieben in den 14 Jahren seiner Veröffentlichungen ist der Hinweis auf den Booklets: „Recorded at home“. Allerdings knisterten die Stücke anfangs noch stark, sie waren selbstbewusst dilettantisch aufgenommen.

Banhart kultiviert den Exzentriker in sich, einem Album gab er einen mit „Oh Me Oh My“ beginnenden Endlostitel, sein Artwork für die Cover – diesmal sind es dünne blaue Clowns-Zeichnungen – veröffentlichte er unter der kalauernden Überschrift „I Left My Noodle on Ramen Street“. Das neue Album hat Bossa-Nova-, Samba-, Disco- und japanische Einflüsse, die Songtexte sind lose in einem Hotel angesiedelt. Auf dem federnden Ping-Pong-Popstück „Fancy Man“ erklingt eine Koto, eine japanische Zither. „Arrogant“ seien seine Mitstreiter und er gewesen, hat Banhart gesagt, weil sie glaubten, eine Koto spielen zu können, da es doch ein Saiteninstrument sei, wie eine Gitarre. Nun, sie haben es gelernt.

Was nervt, sind die Manierismen des Sängers

Songs wie „Middle Names“ oder „Theme for a Taiwanese Woman in Lime Green“ wirken entrückt und skizzenhaft. Doch mit Lagerfeuerfolk haben Banharts Miniaturen nichts zu tun. Die Melodien sind reiner Pop, immer wieder glänzen die Arrangements mit Überraschungen, einer fiependen Vintage-Synthie-Fanfare oder einem Latin-Rhythmus. Die Abschiedsballade „Mourner’s Dance“ klingt wie eine asiatische Hommage an den „Twin Peaks“-Filmkomponisten Angelo Badalamenti.

Was nervt, sind manche Manierismen des Sängers. Manchmal zerdehnt er Endsilben mit zu viel Vibrato, manchmal schmachtet er schwelgerisch wie Bryan Ferry, manchmal sprechsingt er psychedelisch wie der schottische Barde Donovan. Einem Reporter des britischen „Observer“, der ihn zu den Texten befragen wollte, sagte Banhart: „Yeah, du weißt doch alles schon. Keine Ahnung, warum du mit mir sprichst.“ Und redete unbekümmert weiter.

„Ape In Pink Marbel“ ist bei Nonesuch erschienen.

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