DHM-Ausstellung "Immer bunter – Einwanderungsland Deutschland“ : Ein Kessel Buntes

Viele Objekte und viele Lebensgeschichten von Gastarbeitern: Das Deutsche Historische Museum beschäftigt sich mit dem „Einwanderungsland Deutschland“.

Carolin Haentjes
Lesepaten gesucht. Mit diesem Plakat warben Arbeiterwohlfahrt, Caritas und Diakonie Anfang der 1970er Jahre.
Lesepaten gesucht. Mit diesem Plakat warben Arbeiterwohlfahrt, Caritas und Diakonie Anfang der 1970er Jahre.Foto: Historisches Museum Hannover/DHM

Die Ausstellung könnte ein Kommentar zur aktuellen Diskussion sein: Unter dem Titel „Immer bunter – Einwanderungsland Deutschland“ widmet sich das Deutsche Historische Museum (DHM) der deutschen Immigrationsgeschichte seit 1945. Anhand von rund 800 Objekten illustriert sie den gesellschaftlichen Wandel der deutschen Gesellschaft und zeigt, dass Einwanderung auch schon in den vergangenen siebzig Jahren mit Ängsten und sozialen Spannungen einherging.

Die Eröffnung steht allerdings im Schatten der Personalie Alexander Koch: Vergangene Woche war bekannt geworden, dass der DHM-Präsident vorzeitig abgelöst wird. Unter anderem steht er in der Kritik, weil er angeblich zu wenig hauseigene Projekte vorantrieb. Auch die Einwanderungs-Schau ist eine Übernahme, sie kommt vom Haus der Geschichte in Bonn. Und auch sie wird Koch keine nachträglichen Lorbeeren einbringen.

Der einmillionste Gastarbeiter bekam bei seiner Ankunft in Köln ein Moped geschenkt

Dafür hat man sich bei der Konzeption zu sehr auf die Präsentation eindrucksvoller Einzelobjekte verlassen. Die Anwerbung von Gastarbeitern seit den fünfziger Jahren etwa ist nicht nur ausführlich mit Foto- und Bildmaterial dokumentiert, man kann auch eines der Lochbleche sehen, an denen die Bewerber ihre Eignung für die industrielle Produktion beweisen mussten – indem sie möglichst schnell Metallstifte in die Löcher steckten. Das Exponat vergegenwärtigt das große Missverständnis der deutschen Gastarbeiter-Politik, das Max Frisch 1965 so treffend formulierte: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“

Insofern sind die Erzählungen der Einzelschicksale, die die Objekte ergänzen, eigentlich konsequent. Das Leben von Lorenzo Annese zum Beispiel wird als ein Paradebeispiel gelungener Integration präsentiert: Der Italiener, der bei Volkswagen angeheuert hatte, wurde 1965 als bundesweit erster Gastarbeiter zum Betriebsrat gewählt und initiierte unter anderem gemeinsame Weihnachtsfeiern für Deutsche und Gastarbeiter.

Dass der einmillionste Gastarbeiter, der Portugiese Rodrigo de Sá, der bei seiner Ankunft in Köln ein Moped geschenkt bekam, sein erarbeitetes Vermögen für die Behandlung seines Magenkrebses ausgab, obwohl die deutsche Krankenversicherung in der Pflicht gewesen wäre, ist dann aber nicht schriftlich vermerkt. Das wird höchstens als traurige Anekdote mündlich ergänzt, als Versäumnis des Gastarbeiters. Auf einem Kärtchen neben dem prominent zur Schau gestellten Moped ist stattdessen zu lesen, dass er sein Willkommensgeschenk hegte und pflegte.

Das Hauptproblem der Schau ist die mangelnde Kontextualisierung der vielen Exponate

Die Immigration von Vertragsarbeitern in die DDR, die Rückkehr der Spätaussiedler und ansteigende Flüchtlingszahlen zu Beginn der neunziger Jahre behandelt die Ausstellung sehr viel kürzer als das Leben der BRD- Gastarbeiter; doch das Hauptproblem der Schau ist die mangelnde Kontextualisierung der vielen Exponate. Historische Debatten über Einwanderung machen zum Beispiel Wahlplakate kenntlich. Mit welchen Argumenten die Debatten geführt wurden, wird nicht aufgezeigt. Am Eingang zum Raum, in dem die rassistischen Pogrome der neunziger Jahre dokumentiert sind, wird das Grundrecht auf Asyl in großen Lettern zitiert. Die Einschränkung des Grundgesetz-Artikels durch den zeitgleich beschlossenen Asylkompromiss muss man in der kleingedruckten Ergänzung suchen. Die historische Diskussion des Beschlusses wäre eine Gelegenheit gewesen, die deutsche Geschichte tiefergehend zu reflektieren – auch im Hinblick auf die Gegenwart.

Stattdessen vermittelt die Ausstellung den Eindruck, die deutsche Immigrationsgeschichte sei eine natürliche Entwicklung zu einer „immer bunteren“ Gegenwart gewesen. Und dann steht da die Kofferbombe der islamistischen Sauerlandzelle, die im Sommer 2006 am Kölner Hauptbahnhof gefunden wurde, ganz ohne Einordnung neben Stapeln von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Die im letzten Jahr erforderlich gewordenen Aktualisierungen der seit Winter 2014 in Bonn, seit Sommer 2015 in Leipzig gezeigten Schau wirken hilflos und wenig einfallsreich: Von Seiten des DHMs wurden drei Interviews mit Geflüchteten angefügt.

Deutsches Historisches Museum, Ausstellungshalle, bis 16.10., tägl. 10–18 Uhr.

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