Kultur : Dial K für Kunst

ANDREA JULIETTE GROTE

Scheu, zögernd und bescheiden darf der Kunstfreund nicht sein.Aktiv soll er werden, sich bewußt entscheiden, denn nur so kann er die Kunstwerke von Henrik Schrat sehen.Denn der Künstler installierte in über 110 Berliner Privatwohnungen Objekte, die er zu deutschen klassischen Sprichworten anfertigte.Der Kunstfreund bekommt keine Adresse genannt, wo er die Objekte in Berlin finden kann.Anonyme Telefonnummern, die wie geheime Schlüsselcodes funktionieren und den ersten Kontakt zwischen Kunstrezipient und dem Wohnungsbewohner herstellen, führen zu den Kunstwerken.Die Objekte werden Teil der Wohnung, integrieren sich in die Privatsphäre der Bewohner, die damit zu Schrats Mitspieler werden.Der Künstler war der Initiator, damit sich Menschen begegnen, und Schrat gibt das Spiel an seine Mitspieler ab.

Die noch bis zum 5.Februar andauernde Aktion bedurfte langer Vorarbeit: An Freunde und Bekannten aller Altersstufen und Berufsgruppen verschickte Schrat das 1846 erschienene Standardwerk der gesammelten deutschen Sprichworte von Karl Simrok."Sie sollten sich ihren Lieblingsspruch wählen und eine eigene künstlerische Umsetzung dazu ausdenken," erklärt der Künstler sein Konzept.In langen Gesprächen wählte Schrat mit dem jeweiligen Bewohner einen der über 12396 Sprüche aus."Interessant ist dabei die Korrelation von ausgewähltem Spruch, gewünschter Umsetzung und der Persönlichkeit des Beteiligten." Zum Beispiel hatte ein Mitspieler die Idee, den Spruch "Wer nicht arbeitet, der darf nicht essen" am Lampenschirm über dem Eßtisch anzubringen.Sinnig auch die Idee einer Wohngemeinschaft, das Sprichwort "Sünden kehren lachend ein und weinend aus" zu wählen.Schrat druckte die Zeile auf Fließen und installierte diese im Badezimmer.

Hier existiert kein festgefügter Austausch von Rezipient mit einem Kunstobjekt im Rahmen eines vorab abgesicherten Kunstkontextes, den jede Galerie oder Ausstellungshalle bietet.Nicht der Künstler, sondern die "Randfiguren" des künstlerischen Schaffungsprozesses - die Bewohner und die Betrachter - lassen die Objekte lebendig und anschaulich werden: Der Bewohner wird nicht nur zum Ideenstifter, sondern auch zum Kunstvermittler.Schließlich wählt er nach einem erfolgten Telefonanruf aus, wem er das Objekt in seiner Wohnung zeigt.Er wird zum Hauptakteur, denn er beschreibt das Konzept Schrats und erzählt schließlich auch von sich.Die Sprichworte, die über Jahrhunderte mündlich überliefert wurden, sind Fragmente und Versatzstücke unsere Sprache.Sie sind für Schrat komplexe Zeichen, die immer wieder auch in neuen Zusammenhängen verwendet werden.Das Objekt im Kontext von Privatheit zu präsentieren, ermögliche, so Schrat, einen neuen Blick auf tradierte Sprachmuster und Floskeln.

Der Künstler vermied es, Objekte nur bei Freunden unterzustellen."Flüchtige Partybekanntschaften, Menschen, die mir irgendwann ihre Visitenkarte überlassen hatten, wählte ich aus," erklärt er.Fast alle haben mitgemacht, wundert sich Schrat.Doch die Hemmschwelle kunstsinniger Bürger, eine der 110 Telefonnummern anzurufen, ist hoch.In den ersten drei Tagen der seit 26.Januar laufenden Aktion haben sich nur wenige Besucher gemeldet.Doch es lohnt sich.Wer weiß, mit wem man dann über Kunst und Sprichworte kommunizieren kann.

Nähere Informationen: Transitgalerie: 4936029 oder Henrik Schrat: 2043369

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