Kultur : Dial "R" for Remake

SIMONE MAHRENHOLZ

Natürlich gibt es den perfekten Mord ebensowenig wie den perfekten Film.Und fast spannender, als das Scheitern des Mordes zu beobachten, ist es zu studieren, wie der Film trotz des enormen finanziellen und personellen Aufwands, der für dieses freie Remake von Hitchcocks "Bei Anruf Mord" nach dem Bühnenstück von Frederick Knott getrieben wurde, glanzvoll vor sich hin kollabiert.Dabei spielt kein geringerer als Michael Douglas den finsteren Gatten.Das London der 50iger Jahre ist unter der Regie Andrew Davis zum hochtechnisierten New York der 90er geworden und Grace Kelly wird von Gwyneth Paltrow ("Great Expectations") verkörpert.Jede Einstellung strotzt vor Glanz und Glamour, von den Bauten und stilvollen Inneneinrichtungen bis hin zu den atemberaubenden Ausblicken auf New York.Die Schauspieler wirken motiviert, und dennoch bleibt das Ergebnis eigentümlich steril.Wir sehen einen High-Tech-Thriller, in dem nichts atmet: selbst das schmuddelige Loft des Künstler-Ehebrechers David (Viggo Mortensen) scheint mit Desinfektionsmitteln gereinigt.

Dessen Geliebte Emily, reiche Erbin und Übersetzerin bei den Vereinten Nationen, sehen wir des abends nervös an der Seite ihres Großindustriellen-Gatten Steven Taylor (Michael Douglas) eine Wohltätigkeitsgala besuchen: unter den Gästen ist auch Liebhaber David, von dessen Existenz außer ihr nur noch wir Zuschauer zu wissen glauben.So zittern wir mit, als die beiden sich kurz heimlich sprechen und unversehens der Gatte Steven hinzutritt: jeder Zoll kontrollierte Verbindlichkeit.Hinter der gepflegten Fassade lodern Machtinstinkt und unkalkulierbares Wissen.Steven kündigt einen Besuch in Davids Atellier an.

Binnen kürzester Zeit soll eine Frau von zwei Männern umgebracht werden, die sie beide zu lieben behaupten.Allerdings sind sowohl Opfer wie Täter des Mordes andere als geplant.Der Cocktail aus sexueller Leidenschaft, Liebe, Eifersucht, Gier, Glamour, Intelligenz, Machtinstinkt und Angst, der in diesem Film zum starken Gebräu angesetzt werden soll, bleibt fade.Zu schematisch die Figuren, deren Chemie sich einfach nicht auf die Leinwand übertragen will, zu kalkuliert die dramaturgischen Effekte.Einige Abgründe - etwa die plötzliche Verständigung zwischen Emily und dem arabischen Polizeidetektiv (David Suchet) - werden nicht verfolgt.Der Film hat kein menschliches Geheimnis - und das, wo es ihm darum mehr als alles andere geht.

Das liegt auch an den Schauspielern und der holzschnittartigen Typologie, der sie sich unterwerfen.Gwyneth Paltrow scheint hier keinerlei Glut zu beherbergen, Viggo Mortensen, als sadistischer Ausbilder Demi Moores in "Die Akte Jane" einziger Lichtblick, wirkt als Künstler konturlos: ganz als Gegenbild zu Michael Douglas konzipiert, dessen Humorlosigkeit auch diesen Film dominiert.Einzig in den Szenen mit dem arabischem Detektiv kommt das gesuchte Fremde ins Spiel - ohne daß Regisseur Andrew Davis dies überhaupt bemerkte.

Der Film ist dennoch ein bemerkenswertes Dokument, weil er in einer Deutlichkeit, die zwischen Impertinenz und Naivität pendelt, jene amerikanische Neurose in Sachen Sex bebildert, die sich jüngst in allen Medien ausgiebig studieren ließ.Auch hier zeigt sich an der Art, wie Leidenschaft und Erotik in Szene gesetzt sind, die typische Kombination aus Voyeurismus und Dämonisierung.Wenn der Filmanfang die Liebe zwischen Emily und David darstellt, machen die Szenen zugleich unmißverständlich deutlich, daß Leidenschaft mit nichts geringerem als totaler Vernichtung geahndet wird.Dies ließ sich schon in "Red Corner" studieren, wo die Nacht Richard Geres mit der Chinesin deshalb so vollendet inszeniert wirkte, um dem Publikum ihre apokalyptischen Folgen umso deutlicher einzuhämmern.Damit fügt sich auch dieser Film in eine motivische Reihe: die der kollektiven Volkserziehung.Deren Tage scheinen in den USA noch lange nicht gezählt.

In 13 Berliner Kinos, OmU im Moviemento

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