Kultur : Dichter am Abgrund

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Es gärt unter den Bürgern Brüssels.Graf Egmont ist die Leitfigur des Widerstands gegen die spanische Besatzung.Am Ende von Goethes Trauerspiel stirbt der Graf für die Idee der Freiheit: "Und euer Liebstes zu erretten, fallt freudig, wie ich euch ein Beispiel gebe", ruft er noch auf dem Weg zum Schafott.Beethovens Siegessymphonie, gleich anschließend, verkündet diesen Sieg der Freiheit, für den Egmont sich opfert.Beethoven geht es um die präzise konzipierten Anschlüsse zwischen Wort und Ton, die das Ganze zu einer Einheit werden lassen.Dietrich Steinbeck hat nun für eine Aufführung des BSO im Schauspielhaus eine Konzertfassung mit Schauspielern konzipiert.

Trotz der sehr engagierten Leistung aller Beteiligten vermochte sich kein glücklicher Gesamteindruck einzustellen.Daniel Morgenroth gab den Egmont als zwar etwas nüchternen, aber doch sehr liebenswürdigen Landesherrn; eine Idealbesetzung schien Claudia Rohrbach, die mit jugendlich-kräftigem Sopran mitreißend sang; Jac van Steen dirigierte in forschen Tempi, mit genau erarbeiteten Phrasierungen und Dynamikabstufungen, so daß Beethovens Musik sehr frisch wirkte.Doch durch Dietrich Steinbecks Einrichtung war sie ihrer dramaturgischen Funktion beraubt.Die triumphale Siegessymphonie fällt hier an unsinniger Stelle mitten in Egmonts Rede ein, zerschneidet sie.An die nachgeschobenen Schlußworte schließt sich abermals die Ouvertüre an (jedoch ohne die Sostenuto-Einleitung!).Das entbehrt jeder dramaturgischen und musikalischen Logik, zerstört das von Beethoven so differenziert auskalkulierte Miteinander von Wort und Musik.Die Zwischenakte werden in dieser Fassung zerstückelt, zu Melodramen umfunktioniert; das einzig originale Melodram hingegen (Gefängnisszene im fünften Akt) wird mit einem völlig falschen Text rezitiert, der überhaupt nicht zu Beethovens Musik paßt.So wird die dramatische Situation - Egmonts Vision, in der er seine Geliebte Klärchen als Allegorie der Freiheit sieht - überhaupt nicht deutlich.Beethovens "Egmont" bleibt eine Bühnenmusik, fürs Theater konzipiert, und nur hier entfaltet sie ihre ganze Kraft und Wirkung.Eine Konzertfassung müßte versuchen, die szenischen Korrespondenzen zumindest in ihrer Grundkonzeption beizubehalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben