Kultur : Dichter der Großstadt

Wie die Berlinische Galerie um den Verbleib einer legendären Fotoserie aus dem Jahr 1929 kämpft

Julius Hess

Berlin, Alexanderplatz: eine Großbaustelle. Der Asphalt, die Haut der Stadt, ist aufgerissen, gibt den Blick frei auf die Innereien: Gerüste, Planken, Rohre. Ein chirurgischer Eingriff, hier wird eine U-Bahn gebaut. Das Foto stammt aus dem Jahr 1927, aufgenommen hat es Sasha Stone, einer der Vorreiter des „Neuen Sehens“, der Avantgarde-Fotografie der Weimarer Republik. Die Aufnahme vom Alexanderplatz ist Teil von Stones berühmter Fotoserie „Berlin in Bildern“, deren Originalabzüge seit dem Zweiten Weltkrieg als verloren galten. Als sie vor zwei Jahren wieder auftauchten, war das eine mittlere Sensation. Zur Zeit werden sie in der Berlinischen Galerie ausgestellt. Das Haus versucht, die Fotografien zu kaufen, die so unverhofft ins kulturelle Gedächtnis der Stadt zurückgekehrt sind. Doch Berlin könnte sie ein zweites Mal verlieren.

Sasha Stone, als Aleksander Serge Steinsapir 1895 in Sankt Petersburg geboren, war 1913 nach New York ausgewandert, hatte als Korporal der US-Army am Ersten Weltkrieg teilgenommen und in Paris Malerei und Bildhauerei studiert. 1924 kommt er nach Berlin. Im Romanischen Café lernt er Künstler der avantgardistischen „G-Gruppe“ kennen, benannt nach der Zeitschrift „G“, in der sie ihre Forderung nach „elementarer Gestaltung“ formulieren. Zu der Gruppe um den Maler Hans Richter gehören spätere Berühmtheiten wie Ludwig Mies van der Rohe, Raoul Hausmann und Man Ray. Stone, unzufrieden mit der Ausdrucksmöglichkeiten der Malerei, wendet sich von der Bildenden Kunst ab und beginnt, als Presse- und Werbefotograf zu arbeiten. „Sasha Stone sieht noch mehr“, lautet selbstbewusst sein Slogan. Er liefert Reportagen für Zeitschriften wie „Uhu“, „Die Dame“ oder die „Berliner Illustrirte Zeitung“ und Fotomontagen für Buchcover von Walter Benjamin und Alfred Döblin.

Stones Bilder sind das ideale Medium für die Dynamik, Hektik und Komplexität der Großstadt. Kein Foto, auf dem nicht schräge Perspektiven und disparate Elemente den Betrachter herausfordern. Den Berliner Dom fotografiert er nicht wie üblich vom Lustgarten, sondern vom Wasser aus. Man sieht die Stadt als Funktionsraum. Die Aufnahmen zu „Berlin in Bildern“, die 1929 im einem Bildband des Wiener Verlags Dr. Hans Epstein erscheinen, markierten einen Endpunkt der Moderne in der Stadtfotografie. Zu sehen ist die Metropole als lebendiger Organismus, ein wimmelnd bevölkerter Stadtraum: Passanten hasten über die Straße, Autos stehen im Stau, ein Fuhrmann wartet mit seinem Pferd am Bürgersteig. Die „Berlin in Bildern“-Fotos halten das Lebensgefühl einer Gesellschaft fest, kurz bevor sie abstürzt. Sie sind das Gedächtnis einer vergangenen Stadt.

1931 emigriert Stone, der aus einer jüdischen Familie stammt, nach Belgien, wo er seine Karriere erfolgreich fortsetzen kann. Als im Mai 1940 die deutschen Truppen näherrücken, flieht der Fotograf mit Frau und Kind aus Brüssel. Nach einer wochenlangen Irrfahrt durch Frankreich erreicht er schwer an Lungentuberkulose erkrankt die spanische Grenze. Er stirbt am 6. August 1940 in Perpignan. Stones Wiener Verlag war bereits 1938 „arisiert“ worden. 1945 hörte er auf zu existieren. Alle Spuren, die zu den Originalbildern hätten führen können, waren verschüttet. Stones Werk schien untergegangen zu sein. Da bietet 1990 ein kleiner Antiquitätenhändler einem Wiener Kunstsammler-Ehepaar einige interessante Fotos des Berlins der zwanziger Jahre zum Kauf an. Sie befinden sich in einem zerschlissenen Umschlag. Aufschrift: „Sasha Stone, Berlin in Bildern“. Die Kunstsammler, Monika und Hans Schreiber, greifen zu. Noch einmal 14 Jahre vergehen, bis Ulrich Domröse, Leiter der fotografischen Abteilung der Berlinischen Galerie, zufällig vom Fund erfährt.

Noch immer sieht man Domröse die Begeisterung an. „Stellen Sie sich vor, die Sasha Stone-Bilder sind aufgetaucht!“, habe man ihm aus Wien telefoniert. Glauben konnte er es erst, als er sie in den Händen hielt. Nicht nur die superbe Qualität der Aufnahmen überrascht den Experten, sondern auch ihr Umfang: Der Umschlag enthält mehrere vorher unbekannte Bilder, die in der Publikation fehlten. Domröse überredet die Privatsammler, die Fotos für eine Ausstellung in Berlin auszuleihen. Darüber hinaus bieten die Schreibers die 78 Bilder der Berlinischen Galerie für einen „kulanten Preis“ – so Domröse – zum Kauf an. Bedingung: Das Haus muss dazu bis zum Ende der Ausstellung im März 2007 in der Lage sein. Noch ist das Geld nicht da. Das Museum hat einen großformatigen Kalender mit Bildern von Stone drucken lassen, dessen Verkauf – ein Exemplar kostet 19,80 Euro – die Finanzierung anschieben soll. Das übrige Geld will man über einen Spendenaufruf und durch die Hilfe von Sponsoren einnehmen. „Der Kauf von Stones Fotos ist eine der tollen Chancen dieser Zeit. Für Berlin wäre es ein großer Verlust, sie vorbeiziehen zu lassen“, sagt Domröse. Er gibt sich kämpferisch-optimistisch: „Es wird klappen, weil es klappen muss.“

Hans Schreiber würde es freuen, wenn die Bilder in Berlin blieben, „wo sie hingehören“. Am Telefon zerstreut er die Befürchtung, die Bilder könnten, nun da sie spektakulär präsentiert wurden, woandershin verschwinden. Schreiber sagt, er möchte mit den Fotografien nicht auf den Markt gehen. Angesichts des großen Medienechos und des Interesses der Kunstszene an dem Fund ist Domröse jedoch skeptisch. Er ist sich sicher, dass das Sammlerpaar Angebote erhalten hat.

Aufgefordert, sein „schönstes Foto“ zu präsentieren, sagte Stone einst: „Ein Thema, das fertig ist, ist für mich überlebt. Schönheit der Fotografie ist ein elastischer Begriff. Heute fotografieren Tausende sehr schön." Jedes Kunstwerk hat seine Zeit, für die es gültig ist. Sasha Stone hat Berlin so fotografiert, wie es damals lebte. Nach 77 Jahren ist sein Portrait einer Epoche nach Berlin zurückgekehrt – vorläufig als Gast.

Berlin in Bildern ist der Titel eines 1929 erschienenen Bildbandes, zu dem Sasha Stone (1895 bis 1940) die Fotos lieferte. Der Avantgardist Stone zeigt die Metropole als wimmelnd bevölkerte Stadt in Bewegung. Die Aufnahmen galten als vereschollen, nun sind sie wieder aufgetaucht. Die Berlinische Galerie zeigt sie bis zum 11. März, Alte Jakobstr. 124-128 (Kreuzberg), Mo–So 10 bis 18 Uhr.

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