Kultur : Dichter dran

Der Dokfilm „Champions“ huldigt dem Traum vom Fußball

Jens Mühling

Ran! Um dem Fußball ganz nahe zu kommen, sagt das Fernsehen, braucht es hundert Kameras, millimetergenaue Zeitlupen, rasante Kranfahrten und hochauflösende Digitalanimationen. Nur so, sagt das Fernsehen, lässt sich die emotionale Kluft zwischen Stadion und Bildschirm überbrücken: Wie eine dritte Mannschaft, die schnellste auf dem Feld vielleicht, hetzt die Armada der Übertragungskameras über den Rasen, bleibt immer am Ball, umdribbelt jedes Hindernis, brilliert in jeder Aufstellung, gibt nie auf und nie ab.

Um dem Fußball ganz nahe zu kommen, sagen Christoph Hübner und Gabriele Voss, braucht es nichts von dem. Es braucht Geduld. Über vier Jahre haben die Dokumentarfilmer Nachwuchsspieler der A-Jugend von Borussia Dortmund beobachtet, der Kaderschmiede des deutschen Profifußballs. „Champions“ wurde ohne Kräne gedreht und ohne Computer, nur mit einer einzigen unermüdlichen Kamera, die stoisch auf Augenhöhe der Protagonisten bleibt – und mehr registriert als die fixen Kollegen vom Fernsehen, die immer dann gerade verschwunden sind, wenn einen winzigen Moment lang der Traum vom Fußball sichtbar wird.

Auch für die vier jungen Spieler, die Grimme-Preisträger Hübner für sein Porträt ausgewählt hat, bedeutet der Traum von der Profikarriere in erster Linie sehr viel Geduld. Letztlich schafft es keiner von ihnen. Heiko Hesse, der hübsche Halb-Thailänder, scheint nicht so recht an sich glauben zu wollen und entscheidet sich zuletzt für ein Wirtschaftsstudium. Mohammed Abdulai, der in Ghana für Borussia entdeckt wurde, fügt sich Allahs Willen und landet als passabler Spieler in der Regionalliga. Francis Bugri schafft es bis auf die Ersatzbank der Bundesliga – und muss dann zusehen, wie sein Verein teure Spieler aus dem Ausland einkauft. Am tragischsten scheitert Claudio Chavarria, der am liebsten schönen Fußball spielen würde wie zuhause in Chile. Erst wirft ihn eine Verletzung aus der Bahn, dann gerät er mit den Trainern aneinander, schließlich will er nur noch weg aus diesem kalten, verbissenen Land.

Jenes Flackern in den Augen aber, das vom großen Versprechen erzählt, von Lebenshunger und Leben lernen, das haben sie alle vier. Jeder von ihnen, und darin besteht der Kunstgriff dieses anrührenden Films, könnte ein Beckham sein.

(Im Eiszeit)

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