Dichterin Sarah Kirsch gestorben : Lyrik der großen Gefühle

Ihr dichterisches Werk ist längst ein Klassiker. Insbesondere mit Naturgedichten machte sich Sarah Kirsch einen Namen. Nun starb die Lyrikerin im Alter von 78 Jahren in Schleswig-Holstein. Ein Nachruf.

Sarah Kirsch.
Sarah Kirsch.Foto: dpa

Sarah Kirsch, eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen der Gegenwart, ist tot. Die Schriftstellerin starb bereits am 5. Mai im Alter von 78 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Schleswig-Holstein. Das teilte die Deutsche Verlags-Anstalt am Mittwoch in München mit. „Mit dem Tod Sarah Kirschs verlieren wir, verliert die deutschsprachige Literatur eine ihrer wichtigsten, eigenwilligsten und poetisch kraftvollsten Stimmen“, sagte Verlagsleiter Thomas Rathnow. Die Beisetzung finde im engsten Familienkreis statt.

Kirsch wurde 1935 in Limlingerode/Harz als Tochter eines Fernmeldemechanikers geboren, studierte Biologie und Literatur. Als sie sich 1976 den Protesten gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann anschloss, wuchs der staatliche Druck und Kirsch siedelte 1977 von Ost- nach West-Berlin über.
Im Jahr 1983 zog sie in ein altes Schulhaus hinterm Deich in Tielenhemme in Dithmarschen (Schleswig-Holstein). Dort lebte sie bis zu ihrem Tode sehr zurückgezogen als freie Schriftstellerin und Malerin.

Interviews gab sie nur selten: „Die Leute sollen meine Gedichte gern haben und mich möglichst in Ruhe lassen“, sagte sie 1996 den „Stuttgarter Nachrichten“. Die Themen Liebe, Trennung und Einsamkeit bestimmten ihr Werk. „Meine Grundhaltung ist wohl doch die Melancholie“, erklärte Kirsch einmal über sich selbst. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki pries einst ihre „Lyrik der großen Gefühle und der mächtigen Leidenschaften“.

Für ihr dichterisches Werk wurde Kirsch, die schon lange als Klassikerin galt, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, dem Jean-Paul-Preis, dem Peter-Huchel-Preis sowie dem Johann-Heinrich-Voß-Preis. Ihre rätselhaft einfachen Naturgedichte waren alles andere als naive Landschaftslyrik. Sie schilderten Seelenzustände, waren voller hintergründiger Finesse und politischer Anspielungen. Auf Grammatik und Zeichensetzung pfiff Kirsch und bot Spott und Trotz im Schnodderton. „Einen besonderen, einen einzigartigen Platz“ habe sich Kirsch in der deutschen Literatur verdient, stellte der Literaturwissenschaftler Joachim Kaiser schon vor vielen Jahren fest.

Zu Kirschs Veröffentlichungen zählten der erfolgreiche Lyrik-Band „Katzenleben“, die von ihr selbst als „Chronik“ bezeichnete Prosa „Allerlei-Rauh“ (1988) und der von ihr selbst bebilderte Band „Spreu“ (1991). Noch im vergangenen Jahr erschien „Märzveilchen“.

Geboren wurde Sarah Kirsch am 16. April 1935 als Ingrid Hella Irmelinde Bernstein. 1960 nannte sie sich aus Protest gegen die Massenvernichtung der Juden in der Nazi-Zeit Sarah. Im gleichen Jahr heiratete sie den Lyriker Rainer Kirsch und publizierte 1965 mit ihm gemeinsam den ersten Gedichtband „Gespräche mit dem Saurier“. Die Ehe hielt nur bis 1968. Vater ihres 1969 geborenen Sohnes Moritz war der Schriftsteller Karl Mickel. Die Hamburger Autorenvereinigung würdigte Kirsch als „hervorragende Schriftstellerin“. Die deutsche Literaturszene müsse in Zukunft auf eine Frau verzichten, die Zeit ihres Lebens im besten Sinne streitbar gewesen sei, vor allem gegen Diktaturen wie den Nationalsozialismus und seinen Nachwirkungen und den Kommunismus in der DDR, sagte der Sprecher Peter Schmidt. (dpa)

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