Kultur : Dichterverkleinerungsmaschine

Von Denis Scheck

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Der Literaturkritiker Denis Scheck kommentiert einmal monatlich abwechselnd die aktuellen Belletristik und Sachbuchlisten der „Spiegel“-Bestseller – parallel zu seinem Fernsehmagazin „Druckfrisch“ (heute, ARD, 23.45 Uhr). Der Kolumne liegt die Sachbuch-Liste vom Oktober zugrunde – wie immer in absteigender Reihenfolge.

10) Sigrid Damm: „Das Leben des Friedrich Schiller“. Insel, 498 S., 24,90 €

Ein ungeliebter Klassiker, einer, den alle kennen und über den keiner wirklich etwas weiß: was für ein Gegenstand für eine Biografie! Diesen tollen Stoff verschenkt Sigrid Damm, weil sie Schillers Leben unter der sämigen Soße ihrer eigenen Befindlichkeit begräbt. Dieses Buch ist eine einzige Dichterverkleinerungsmaschine. Wenn Sie aber etwas über Friedrich Schiller wissen wollen, lesen Sie lieber die schöne Biografie von Rüdiger Safranski („Friedrich Schiller oder die Erfindung des Idealismus“, Hanser, 560 S., 25 €). Die steht auf Platz 31, gehört aber definitiv unter die Top Ten.

9) Ben Schott: „Schotts Sammelsurium“. Aus dem Englischen von Matthias Strobel. Bloomsbury Berlin, 160 S., 16 €

Wie wickelt man einen Sari, wo liegen in Dantes Hölle die Kuppler und Verführer, und um wie viel Uhr beginnt auf hoher See die letzte Hundewache? Antworten auf solch brennende Fragen finden sich in Schotts Sammelsurium, das sich wie das Schlaue Handbuch von Tick, Trick und Track liest. Sehr spleenig, sehr amüsant.

8) Wibke Bruhns: „Meines Vaters Land“. Econ, 395 S., 22 €

Familiengeschichten aus der Nazizeit sind Mode. Wibke Bruhns’ Buch hebt sich da wohltuend ab: Sie schildert den Weg einer großbürgerlichen Familie aus dem Wilhelminismus bis in die Nazizeit und den Widerstand gegen Hitler: keine repräsentative, aber eine deutsche Geschichte .

7) Bill Clinton: „Mein Leben“. Aus dem Engl. von S. Gebauer, unterstützt von A. Pumpernig und U. Zehetmayr. Econ, 1472 S., 28 €

Slick Willies, Schmierlapp Clintons Autobiographie ist der seltene Fall eines Buchs, das über dem Atlantik eine magische Verwandlung erfährt: Die mit über 1400 Seiten unverschämt dicke Schwarte vermittelt durch detailbesessene Schilderungen für europäische Leser weit mehr, als Politikermemoiren normalerweise leisten.

6) Henning Mankell: „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“. Aus dem Schwedischen von xxx. Zsolnay, 144 Seiten, 14,90 Euro

Wir lesen unter anderem, um unser eigenes Leben zu relativieren: seine Kümmernisse, seine Triumphe. Dieses Buch über die Folgen von Aids in Afrika leistet genau diese Relativierung. Leider wird Mankells eindrücklicher afrikanischer Totentanz vom Nachwort einer Ulla Schmidt aus Berlin begleitet, die von Beruf Bundesgesundheitsministerin ist. Weil Frau Schmidt der Frage nach der Mitverantwortung der europäischen Pharmakonzerne ausweicht, ist diese Selbstdarstellung peinlich und ekelhaft.

5) Bas Kast: „Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt“. S. Fischer, 224 S., 17, 90 €

Präzise und ohne das in Psychoratgebern übliche Geschwafel hält dieses Buch eine schöne Balance zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über die Liebe und den Offenbarungen ihrer Geheimnisse in der Literatur. Wer etwas über unser Balzverhalten wissen will und warum das Interesse für den Mitmenschen das stärkste Aphrodisiakum der Welt ist, hier kann er es erfahren. Ein gutes Buch.

4) Hans-Olaf Henkel: „Die Kraft des Neubeginns“. Droemer Knaur, 352 S., 22 €

Herr Henkel ist sehr stolz auf seine als Manager bei IBM erworbene Fähigkeit, komplizierteste Sachverhalte in einem Satz auszudrücken. Dies schafft in manchen Fällen sogar die Literaturkritk: Dieses Buch ist schlecht, weil sich der Autor gleich einem zwischen zwei Heuhaufen verhungernden Esel nicht entscheiden kann, ob er nun die Geschichte seines Vaters im Dritten Reich erzählen will oder doch lieber eine Stammtischsuada darüber, was alles schief läuft in Deutschland.

3) Norbert Juretzko und Wilhelm Dietl: „Bedingt dienstbereit“. Ullstein, 384 S., 24 €

Nachrichten vom Hauen und Stechen auf mittlerer Angestelltenebene im Bundesnachrichtendienst: interessant, leider miserabel geschrieben. Einen gewissen Unterhaltungswert besitzt das Buch allerdings, weil sich ein Geheimagent in der Sprache eines herumnölenden Betriebsrats über seine Firma als Intrigantenstadl auslässt: So verwandelt sich die Welt von „Spion & Spion“ im Handumdrehen ins vertraute Milieu von „Büro, Büro“.

2) Frank Schirrmacher: „Das Methusalem-Komplott“. Blessing, 220 S., 16 €

Ein Mann wird älter und projiziert seine Probleme auf die ganze Gesellschaft. Das führt im Fall von Schirrmachers Kampfschrift gegen den Jugendwahn zu einem schönen Ergebnis: Auch wenn man sich an dem schnarrenden Casinoton stören kann, das „Methusalem-Komplott“ ist völlig zu Recht zum Oldie auf der Bestsellerliste geworden.

1) Susanne Fröhlich: „Moppel-Ich“. Krüger, 268 S., 13, 90 €

Angeblich ein Diätbuch, tatsächlich aber eine Fressorgie des Vorurteils, eine Schlachtplatte fettester Binsenweisheiten. Manche Bücher machen einen paranoid, so dass man fast an eine Verschwörung der Verdummung glauben mag. Im forciert aufgekratzten Tonfall eines Ayatollahs schreit dieses Buch seinen Lesern den Katechismus des intellektuellen Stillstands ins Ohr: Ich will so bleiben, wie ich bin! Manchmal kann man gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte.

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