Dichtkunst : Ein Kampf um Troja

Antiker Dichterfürst – oder nur fleißiger Beamter? Raoul Schrotts abenteuerliche Thesen zu Homer.

Gyburg Radke
Troja
Erbe der Antike. Das trojanische Pferd in einer französischen Buchmalerei. -Foto: Bibliothèque Nationale/AKG

Wer war Homer, der erste und größte Dichter des Abendlands? Die Antwort auf diese Frage hat in der europäischen Geschichte viele Wege gesucht. Einer davon ist besonders schillernd, er zieht Abenteurer und Enthusiasten an, weil er schnellen Ruhm verspricht. Es ist der Weg, auf dem die historische Identität des Dichters enthüllt und sein Heimatort entdeckt wird, seine Auftraggeber, sein Publikum und seine Familie identifiziert werden. Der Stoff, aus dem moderne Mythen sind: Mythen von persönlichen Schicksalen und fremdländischen Irrungen und Wirrungen. So gewinnt der Dichter aus alten Zeiten konkrete Konturen. Wenn dann auch noch die Exotik des alten Orients sowie einige verruchte erotische Details ausgemalt werden, ist die Mischung perfekt.

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott, der seine im März erscheinende „Ilias“-Übersetzung gerade mit einer Sensationsthese über die Herkunft Homers in der „FAZ“ vermarktet, verleiht seinen Ausführungen genau diesen Nimbus. Homer, behauptet Schrott, war ein griechischer Schreiber in Kilikien, das heute im Südosten der Türkei liegt. Dieser Schreiber, ein Eunuch, habe in den Diensten der assyrischen Machthaber gestanden. Seine „Ilias“ erzähle zwar vom kleinasiatischen Troja, den Schauplatz habe Homer jedoch seiner kilikischen Umgebung und den Erzählschätzen der Assyrer nachempfunden.

Schrott erzählt also eine mit vielen Details gespickte Geschichte, in der er den Vater der abendländischen Dichtung ins Morgenland versetzt und aus dem griechischen Dichterfürsten einen abhängigen Schreiberling macht. Indem er dies als Laie tut, geschieht zweierlei: Er greift in die altertumswissenschaftlichen Debatten um die Hintergründe von „Ilias“ und „Odyssee“ ein, deren Kenntnisse er sich nach eigenen Angaben angelesen hat; und er schreibt einen Mythos weiter, den er sich brüstet, erfunden zu haben: den Mythos, dass das meiste an den Griechen mit ihrer „edlen Einfalt und stillen Größe“ (Winckelmann) tatsächlich gar nicht so klassisch, sondern orientalischen Ursprungs sei.

Schrotts Enthüllungsroman über die historische Identität des sagenumwobenen Homer ist nichts weiter als die dichterische Verkleidung eines seit den Anfängen der Neuzeit verbreiteten Bilds von der Antike. Die Intuitionen, mit denen er der Homer-Debatte neues Leben einhauchen möchte, speisen sich dabei aus einer persönlichen Enttäuschung. Sein Eindruck bei einem Besuch der Ausgrabungsstätte von Troja wollte so gar nicht zu den großen Dimensionen des trojanischen Kriegs und der erhabenen Landschaft passen, die er sich bei der Lektüre der „Ilias“ vorgestellt hatte.

Zum anderen argumentiert er mit dem, was die Altertumswissenschaft seit den 1960er Jahren mit reichem Material bewiesen hat. Seit den Forschungen des Oxforder Gräzisten Martin L. West und des Züricher Religionswissenschaftlers Walter Burkert wurden die nicht-griechischen östlichen Quellen der griechischen Dichtung aufgedeckt. Der kulturelle Austausch, der die griechische Kultur in der orientalisierenden Epoche des 1. Jahrtausends v. Chr. prägte, gewann für die Fachwelt deutlichere Konturen.

Die These, dass Griechenland als Wiege des Abendlandes entscheidende Anregungen vom Morgenland erhielt, war schon damals nicht neu. Sie entstammte auch nicht der altphilologischen Forschung, sondern einer neuzeitlichen Debatte um die Antike. Dieser wurde in der Neuzeit primär die helle, sichtbare, rationale Seite des Menschen und seiner Kultur zugeordnet, während man alles Irrationale, Dunkle, Chaotische und Mysteriöse dem Orient zuschrieb. Die Moderne wollte diese klassizistische Vorstellung als falsch entlarven und hat besonders in der Romantik und im 20. Jahrhundert die dunkle Seite der Antike entdeckt.

Ein orientalischer Homer ist angesichts der vielen Texte, die das klassizistische Antikebild korrigierten, also alles andere als eine Sensation. Schrott kleidet nur Bekanntes in seine Geschichte vom Schreiberling Homer in Kilikien. Und er lässt außer Acht, dass auch das neue, nichtklassizistische Antikebild längst als undifferenziert entlarvt wurde, weil es nicht erklärt, was Homer so besonders macht.

Schrotts Argumentation lautet etwa so: Wenn die homerischen Epen eine Fülle an wörtlichen Zitaten und motivischen Parallelen aus assyrischen, sumerischen, akkadischen oder hethitischen Erzählungen aufweisen, wie kann Homer dann ein Sänger gewesen sein, der seine Kunst aus einer lange zurückreichenden mündlichen Sängertradition gewann? Er müsse doch ein in der Keilschrift und im griechischen Alphabet kundiger Schriftgelehrter gewesen sein, wenn er so viele verschiedensprachige Texte verarbeitet hat.

Schrott bezieht sich auf die oral-poetryForschung, die sich mit dem epischen Sängertum befasst, einer Tradition, die bis in die mykenische Zeit zurückreicht und in der auch Homers Epen stehen. Schon im 19. Jahrhundert diskutierten deutsche Gelehrte über die „Homerische Frage“, ob „Ilias“ und „Odyssee“ von dem einen Originalgenie „Homer“ stammen oder Produkt vieler Sänger sind.

Der Streit wurde im 20. Jahrhundert erneut geführt. Während in der angloamerikanischen Homer-Forschung die Überzeugung vorherrscht, dass Homers Epen bis ins 5. Jh. v. Chr. ein „fließendes“, mündlich weitergegebenes und variiertes Überlieferungsgut waren, glauben die meisten deutschsprachigen Forscher, dass ein komplexes Handlungsgeflecht wie das der „Ilias“ oder der „Odyssee“ nur die Gesamtkomposition eines einzelnen Dichters sein könne. Unumstritten ist jedoch, dass diese große Dichtkunst nicht aus dem Nichts gekommen sein kann. Der Dichter, den wir seit der Antike Homer nennen, hat seine Kunst des epischen Gesangs aus der „Schule“ einer Sängertradition erschaffen. In dieser „Schule“ hatten sich Techniken ausgebildet, die das Stegreifsingen und Komponieren erleichterten.

Raoul Schrott beruft sich, all diese Einsichten ignorierend, auf die Ergebnisse der Forschungen zum kollektiven Gedächtnis. Diesen zufolge reicht die Erinnerung an einzelne Geschichten nie länger als drei Generationen zurück. Schrotts Schlussfolgerung: Der Dichter der „Ilias“ habe nur deshalb so viel sammeln und verknüpfen können, weil er ein in beiden Kulturkreisen gelehrter Schreiber war, der in vorhandenen Texten nachschlagen und daraus zitieren konnte.

Eine plausibler, aber wenig erhellender Kurzschluss. Was eigentlich interessiert uns an Homer so sehr, dass es sich lohnt, die geballte Kompetenz der Altertumswissenschaft, der Alten Geschichte, der Archäologie, der Klassischen Philologie, der Altorientalistik und vieler weiterer zu bemühen? Ist ein kleiner Schreiberling so viel Arbeit wert? Nein, der Mühe wert ist an Homer nicht das Biografische, sondern seine überragende Dichtung, an der sich seither jeder gute Dichter messen muss. Was diese hohe, seit der Antike gerühmte Qualität ausmacht, das ist die eigentliche homerische Frage.

Bereits die Antike hatte Antworten zu bieten. Aristoteles rühmt in seiner „Poetik“ Homer als den besten aller Dichter. Wie Homer zu seiner Meisterschaft kam, ob durch Handwerk oder Begabung, lässt Aristoteles offen. Er konzentriert sich ganz darauf zu erklären, warum Homer alle anderen Ependichter um Längen übertrifft: Weil er in der „Ilias“ nicht viele, sondern eine Geschichte erzählt, in der jeder Teil notwendig ist und kein Teil fehlt. Anders als die „kyklischen Epiker“ – sie heißen so, weil sie den gesamten Sagenkreis (kyklos) rund um den trojanischen Krieg gedichtet haben –, traf Homer eine Auswahl und erzählte eine einzige Handlung.

Diese Handlung ist nicht der zehnjährige Krieg zwischen Griechen und Trojanern oder die Eroberung Trojas – die in der „Ilias“ gar nicht stattfindet –, vielmehr die Geschichte von Achills Zorn über ein vom Heerführer Agamemnon erlittenes Unrecht. Und so beginnt die „Ilias“: „Vom Zorn singe, Muse, des Peleiden Achilles.“ Achill zieht sich aus dem Kriegsgeschehen zurück, mit katastrophalen Folgen für die Griechen, denn ohne ihren größten Helden können sie den Trojanern nicht standhalten. Erst allmählich lässt Achill sich dazu bewegen, sich wie zuvor um das Schicksal des griechischen Heeres zu sorgen.

Homer erzählt nicht den ganzen Krieg, sondern nur einige Tage im zehnten Jahr. Er macht etwas ganz Neues aus dem Vorrat an mythischen Erzählungen und der jahrhundertealten Sängertradition. Er schildert, wie der Marburger Gräzist Arbogast Schmitt gezeigt hat, ein ganz und gar individuelles Schicksal. Jeder der Protagonisten – Achill, Agamemnon, der Seher Kalchas, der greise Erzieher Phoinix – hat seine eigene Sprache und Argumentationsweise, seinen eigenen Tonfall beim Reden. Homer überzieht das Geschehen nicht mit ein und derselben heroischen Färbung, er macht vielmehr verständlich, was für ein Mensch dieser Achill ist, was ihn bewegt, was ihn auszeichnet und was seine Gefährdungen sind.

Dem Leser treten die Personen anschaulich vor Augen: Achill, wie er die Boten des Agamemnon, die ihm seine geliebte Briseis nehmen sollen, freundlich empfängt. Hektor, wie er gemeinsam mit seiner Frau Andromache über ihren Sohn Astyanax lacht, der sich vor dem Helmbusch seines Vaters erschreckt und an die Brust der Mutter drückt. Der greise König Priamos, wie er in das Zelt des Feindes Achill tritt, der seinen Sohn Hektor getötet und dessen Leichnam wütend um die Stadt geschleift hat. Der griechische Held Diomedes, wie er mitten in der Schlacht auf Glaukos, einen Verbündeten der Trojaner, trifft, in ihm einen Gastfreund erkennt und die Waffen mit ihm tauscht. Homer erzählt individuelle Schicksale von unverwechselbaren Charakteren.

So ist die anschauliche, fesselnde Geschichte vom Zorn des Achill nicht eine schon seit Jahrhunderten überlieferte und im kollektiven Gedächtnis aufbewahrte Legende, sondern eine individuelle, herausragende Erfindung des Dichters, den wir unter dem Namen Homer kennen. Kein Schreiber, der Material aus Quellen anhäuft, kann so etwas erschaffen. Zwar wäre die „Ilias“ undenkbar ohne das Geschichtenmaterial und die in vielen Generationen und Kulturen erarbeitete Dichtkunst – das Erzählen in Gleichnissen, das Komponieren von Hexametern, das kunstvolle Benennen von Charakteren. Aber all dies ist nur der Stoff, der zum Leben erweckt und zu einer Handlungseinheit geformt werden muss.

Schrotts Eingebung, die These der oral poetry sei falsch, weil das große Kunstwerk „Ilias“ nicht Produkt der mündlichen Überlieferung, sondern nur der Fleißarbeit eines Schriftgelehrten sein könne, verfehlt gerade das, was Homer zum größten aller Dichter macht. Nicht das Sammeln macht ihn besonders, sondern im Gegenteil seine strenge Auswahl. Dass er neu ordnet und eine neue, vollständige und individuelle Geschichte erzählt, darin liegt die Faszination Homers. Deshalb sprechen wir noch heute von ihm, nach 2800 Jahren.

So verlockend es ist, ein anschauliches Bild von seiner Lebenswirklichkeit zu gewinnen und mehr über den Kulturaustausch zwischen Griechen und dem Alten Orient zu erfahren, so bleibt dies doch lediglich der Rahmen für das, was uns Homer wirklich näherbringt. Die assyrischen Einflüsse auf die Entwicklung der griechischen Dichtung zu kennen, ist ein großer Erkenntnisfortschritt, den nicht Raoul Schrott, sondern die Forschung erbracht hat. Doch sollte uns Homer dadurch nicht exotisch und fremd werden, sondern vertrauter: als Höhepunkt der Dichtkunst, die Europa im Dialog mit anderen Kulturen hervorgebracht hat.

Die Autorin ist Gräcistin und lehrt Klassische Philologie an der Freien Universität Berlin.

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