• "Dichtung und Wildheit" von Vera Mantero in den Berliner Sophiensälen: Autisten auf dem Hüpfball

Kultur : "Dichtung und Wildheit" von Vera Mantero in den Berliner Sophiensälen: Autisten auf dem Hüpfball

Sandra Luzina

Invasion der Zottelköpfe. Mit "Dichtung und Wildheit", einer Auftragsarbeit der letztjährigen Expo in Lissabon, gastiert die Portugiesin Vera Mantero beim Berliner Festival "Tanz im August". Über die Häupter der sechs Tänzer gestülpt sind voluminöse Kopfbedeckungen, Wülste aus Kunstfell, Wolle und Plüsch. Ein Mop aus Flokatifransen krönt die größte dieser gesichtslosen Gestalten. Das Tänzer-Kollektiv ist eine Zusammenballung von Körpern, die regellos und ziellos zwischen Waschmaschine und Teppich herumwandert.

Die halbbekleideten Popanze agieren kopflos. Schlabbern sich durch eine 90-minütige Ketchup-Performance, die eine Spur der Verwüstung auf der Bühne der sophiensäle hinterläßt. PLAY steht in Großbuchstaben auf dem Tetra-Pak mit Tomatensoße. Die Aufforderung zum Spiel wird mit der Lust an Schmiere beantwortet. Diese Spiele entspringen nicht der kindlichen Neugierde, sie zelebrieren nicht den heiteren Überschwang. Hier wird auch nicht zur fröhlichen Anarchie aufgerufen. Vorgeführt werden lauter skurrile Verrichtungen und Albernheiten, die in ihrer Summierung eine befremdliche Aktivität ergeben.

Autisten auf dem Hüpfball. Die Tänzer sind mit Eifer bei der Sache, kämpfen sich unverdrossen durch die Materialschlacht, rümpeln unentwegt die Bühne voll - sie gäben allesamt prima Kandidaten einer TV-Spielshow ab.

Merkwürdigkeiten gibt es en masse zu bestaunen, etwa den Tänzer mit Brille (!) und Pastoren-Bart, der sich seine UNDERCOVER-Unterhose ausstopft. Oder sich mit Tesaband fesselt, um einbeinig durch einen Männer-Pas de deux zu humpeln. Parallelen zu der Produktion "appetite" sind erkennbar, mit der Meg Stuart den "Tanz im August" eröffnet hat. Doch hier manifestiert sich nicht der Hunger auf den anderen Körper, die taktile Lust, der Wunsch, Welt zu ertasten und zu begreifen; als Triebkraft scheint hier nicht ein unstillbares Verlangen auf. So verschwenderisch der Abend mit Material und Körpern umgeht, so sehr er den Exzess sucht, zeigt er doch Figuren des Überflusses und Überdrusses.

Rebelliert wird gegen eine cleane Körperkunst. Vera Mantero, die in klassischem Tanz ausgebildet wurde und fünf Jahre lang dem Ballet Gulbenkian angehörte, trampelt heftig auf dem Ballett herum. Bewegung manifestiert sich zumeist nur als Behinderung. Manchmal gelingen der Choreografin groteske Körperbilder - deutlicher aber ist der Wille zur Verunstaltung, der sich in Ketchup-Attacken erschöpft. Am Ende bestäuben sich die Tänzer mit Kakao, schlittern durch den schokoladigen Schlamm. Die Choreografin läßt ihre Akteure immer wieder auf die Nase fallen. Die Performance suhlt sich im Trash, jeder Schwachsinn, jede abgefeimte Idiotie wird breitgetreten. Einer infantilen Gesellschaft soll der Spiegel vorgehalten werden. Spaß hat bei allem Pusten, Prusten, Sabbern und Kleckern niemand. Die Akteure sind Meister im Blasen - und produzieren viel heiße Luft. Sie dürfen sich ausgiebig mit Tomatensoße beschmieren - dabei bleibt diese Performance eigentümlich schmerzfrei.

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