Kultur : Dicke Lippe

Silvia Hallensleben

räumt Berliner Trümmer beiseite Wer mittratschen will, muss manchmal schneller sein, als es die Urteilsfähigkeit erlaubt. Wieviele Bücher mögen überhastet erworben worden sein in der Sorge, morgen schon könnten Eitelkeiten und Persönlichkeitsrecht den Bannstrahl verhängt haben über Klatsch und Tratsch? Auch Jürgen Trimborns Knef-Biografie ist schon wieder aus den Regalen verschwunden – Paul von Schell, der letzte Ehegatte der Knef, hatte den Verlag wegen einiger ihm anstößig erscheinender Behauptungen gedroht. Das Weitere müssen jetzt Gerichte klären. Ob Trimborn noch eine Lippe riskiert, wird heute Abend in der Urania zu beobachten sein, wo der Biograf ein so genanntes „Knefspecial“ mit einer Einführung garnieren wird. Als Hauptgericht kommt ein Film, der nicht nur für Fans interessant sein dürfte. Carol Reeds melodramatischer Spionage-Thriller Gefährlicher Urlaub (1953) führt den britischen Regisseur vier Jahre nach „Der dritte Mann“ wieder ins Herz des Kalten Kriegs. Den Rahmen aber geben diesmal nicht Heuriger und Zitherspiel, sondern die zerstörte Gedächtniskirche und die Noch-Trümmerlandschaft des zerstörten West-Berlin, das hier als lebendiger Originalschauplatz eine weitere Hauptrolle spielt.

Sechs Jahre später hat nach heftigem internen Kampf im anderen Teil der Stadt ein Film Premiere, der sich in seinen dokumentarischen Straßenszenen explizit auf den Neorealismus bezieht. Inhaltlich formulieren die DEFA-Autoren Gerhard Klein (Regie) und Wolfgang Kohlhaase in Berlin Ecke Schönhauser erstmals auch für die DDR Positionen der neuen Jugendkultur. Als deren rebellischer Held macht der kürzlich verstorbene Theaterschauspieler Ekkehard Schall eine überzeugende Figur: Zu Ehren des Schauspielers zeigt die Brotfabrik den Film die ganze Woche.

Während Reeds Helden im Sowjetsektor in Feindes Hand geraten, landen die Halbstarken aus den U-Bahn-Bögen in den Niederungen des realwestlichen Kapitalismus. Die Neuköllner Karl-MarxStraße ist dafür eine passende Adresse – und das dortige Karli-Kino vielleicht der ideale Ort, um die Berlin-Brandenburger Filmhochschüler mit einem Publikum zu konfrontieren, das seinen Filmgeschmack jenseits studentischer Ghettobildung kultiviert. Am ersten Mittwoch im Monat werden dort unter dem Motto Newcomer Übungs- und Abschlussfilme aus den Beständen der beiden Hochschulen präsentiert. Das Besondere: Die Filme laufen danach eine ganze Woche weiter. Das Eröffnungsprogramm mit Kurzfilmen moderiert Alfred Holighaus.

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