Kultur : Dicke Luft, heiliges Land

Abzug aus Gaza: Über das besondere Verhältnis von Nation und Religion in Israel

Natan Sznaider

Die Initiative von Scharon, sich ohne Einvernehmen mit den Palästinensern aus dem Gazastreifen zurückzuziehen, ist eine der wichtigsten politischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte in Israel. Sollte der Rückzug in diesen Tagen nicht so laufen wie geplant, kann dies eine der größten Niederlagen des Staates werden. Mehr als das: Es wären das Ende der politischen Souveränität Israels und der Beginn eines Zeitalters, in dem der Staat nur noch ein Anhängsel des „Landes Israel“ wäre, Appendix eines religiösen Überbaus, aber kein politisches Gebäude mehr.

Die Luft ist dick in diesem Land. Erinnerungen an 1995 werden wach, als Rabin ermordet wurde und der damals schon hinkende Friedensprozess endgültig stockte. Seither versuchen alle Nachfolger Rabins, Frieden zu schließen, und zwar innerhalb der israelischen Gesellschaft. Das ist bis heute nicht gelungen. Die Mörder Rabins sind nicht nur unter uns, sie bestimmen wieder die Agenda des Staates. Ihre Argumente sind immer die gleichen: Der Staat Israel sei nur legitim, wenn er sich dem Land Israel unterwerfe. So wird die Politik der messianischen Ereiferung untergeordnet. Diesen Eiferern zufolge war der Mord an Rabin eine gerechte Exekution, da Rabin bereit war, Land an die Palästinenser abzugeben: kein Meuchelmord, sondern die gerechte Strafe für den Versuch der Verweltlichung Israels. Der Anschlag, den ein junger jüdischer Israeli letzte Woche an arabischen Bürger verübte, folgt dieser Logik.

Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Die Siedler wissen, dass sie vielleicht wenig Macht besitzen, aber viel Legitimation. Denn jüdische Israelis, ob Siedler oder nicht, bewohnen nicht nur den politischen Raum Israels, einen Staat mit Institutionen sowie einer bürgerlichen und verbürgerlichten Gesellschaft. Sie bewohnen auch einen heiligen Raum. Rabin versprach einen politischen Raum, eine weltliche Polis, ein Gemeinwesen, das von gemeinsamen Entscheidungen lebt, Kompromisse macht und nach öffentlichen Debatten von gewählten Vertretern politische Entscheidungen fällen lässt. Aber dieser politische Raum Israels wird geteilt mit dem Göttlichen.

Dazu kommt bei vielen die wachsende Überzeugung, dass der Staat Israel nicht zur Normalisierung jüdischer Existenz beigetragen hat. Während die zionistischen Vordenker glaubten, dass mit der politischen Souveränität die Normalität und die Verweltlichung jüdischer Existenz beginnen würden, der Eintritt in die Geschichte und die damit verbundene Fähigkeit, politische Entscheidungen zu treffen, hat sich nun gezeigt, dass es sich nur um eine Atempause für die Messianisten handelte. Es geht also um nicht weniger als um die Rettung von jüdischer Politik.

Scharon hat wie Rabin verstanden, dass nur ein Weg aus dieser Krise führt: der Verzicht. Nicht um der Palästinenser willen, nicht um der Moralität willen, sondern für die Zukunft Israels. Die internationale Isolierung muss ein Ende haben. Israel muss wieder stark werden, um seinen Auftrag zu erfüllen, Ausdruck jüdischer politischer Souveränität zu sein. Nur dies kann jüdisches Überleben garantieren.

Eben deswegen traut die israelische Linke Scharon nicht. In ihren Augen ist der Rückzug ein Trick, der weitere Konzessionen an die Palästinenser verunmöglichen will. Es mag gute Gründe für diese Kritik geben, denn nichts in Scharons Vergangenheit spricht für die Annahme, er sei ein neuer Mahatma Gandhi. Deswegen wartet die Linke in Israel lieber ab und wähnt sich auf der Seite der Gerechten. Viele Europäer lieben sie dafür.

Doch auch, wie Scharon von Teilen der israelischen Rechten angegriffen wird, gibt zu denken. Auch sie haben die Politik aufgegeben. Während der Gaza-Rückzug von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird, hat das rechte Lager eine Großoffensive gestartet, mit der die Israelis eingeschüchtert werden sollen.

Auch hier werden die Dilemmata jüdischer Politik offensichtlich. Der Zionismus war nie eine universale Ideologie, er wandte sich immer nur an eine bestimmte ethnisch-religiöse Gruppe, für die nationale Symbole gleichzeitig religiöse Symbole sind: Das „Land Israel“ ist gleichzeitig säkulare Heimat und heiliger Boden. Als der Zionismus mit seiner nationalen Befreiungsidee Heimat schuf, befreite er zugleich das Heilige. Während anderswo die Moderne die Religion als Integrationsfaktor untergrub, machte die jüdische Nationalbewegung die Religion zum zentralen Integrationssymbol. Ohne dieses kann der Staat Israel sich von innen heraus kaum legitimieren. Die säkulare „Normalisierung“ des jüdischen Volkes auf eigenem Territorium konnte also nur durch den Rückgriff auf eine religiöse Symbolik geschaffen werden.

Das Verhältnis von Religion und Staat wird in Israel immer ein besonderes sein: Das Religiöse und das Nichtreligiöse können hier nicht „gleich“ werden, wie es das Staatsbürgerprojekt der Säkularen verlangt. Diese sind entsetzt, weil viele Orthodoxe und nun auch viele Nationalreligiöse sich in erster Linie als Juden und nicht als Israelis definieren. Der Egalitarismus der Staatsnation nimmt an, dass es einen neutralen Raum geben kann, in dem alle Bürger zusammen leben können. Dies impliziert jedoch die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit, von Religion und Politik, ein Kennzeichen protestantischer Politik der Moderne. Und auch ein Kennzeichen der Normalität eines in seinen Grenzen ruhenden Landes. Aber diese Normalität gibt es in Israel nicht.

Scharon hat sich vorgenommen, die endgültigen Grenzen des Landes festzusetzen. Damit kann sich die Rechte nicht abfinden. Ihre Antwort auf diese Initiative ist es, Scharon den Boden unter den Füßen zu entziehen, ihn auf dem Parteitreffen auszupfeifen und ihm offen zu drohen. Auch Scharon hat das Attentat auf Rabin nicht vergessen: Die vielen Leibwächter sollen ihn nicht nur vor palästinensischen Terroristen beschützen. Und die Bevölkerung ist den drohenden Bürgerkrieg schon leid, bevor er begonnen hat.

Damit stellt sich erneut die Frage: Kann Israel auch für die Religiösen als moderner und demokratischer Staat gelten? Kann man ein guter Bürger sein und gleichzeitig losgelöst vom heiligen Raum leben? Zionismus bedeutet die Aufhebung der diasporischen Heimatlosigkeit. Traditionelles Judentum war im Text zu Hause, war nie heimatlos. Es lebte in einer anderen Zeit. Nun ist es gerade die Vermischung von Religion und Nation, die diesen Zustand unmöglich macht.

Zionismus ist nicht dasselbe wie Judentum. Zionismus ist Judentum plus Liberalismus als der Gründungsglaube moderner Staaten. Das schließt mit ein, das Jüdische in Israel anzuerkennen. Nötig wäre ein Judentum, das die Vergangenheit so ernst nimmt wie die Gegenwart. Aber es muss auch das Politisch-Souveräne im Jüdischen akzeptieren. Nur so kann Israel ein „normales“ Land werden, ein Land in Frieden, das von seinen Nachbarn innen und außen anerkannt wird.

Natan Sznaider ist Professor für Soziologie am Academic College von Tel-Aviv.

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