Kultur : Dicke Seele Flora Frost

Thomas Lackmann

Das Landei trägt sein Haar im Knoten und einen schwarzen Anzug auf nackter Haut. Das Landei heißt Flora und tanzt Tango mit einer aufblasbaren Puppe. Die Puppe reißt Mund und Augen auf. Sie wird von Flora zu Boden gestoßen, gewürgt, hochgewirbelt. Perversion, Unterwerfung, Mord und tiefere Bedeutung. Sie wird wie eine Beute über die Schulter geworfen. Floras schmaler Mädchenkörper drückt das Gummigirl, dem die Luft ausgeht, kopulierend auf die Bühnenbretter. Faltige Haut bleibt zurück, das Ende aller Schäume. Dann legt Flora ab - auch den Paillettenslip. Der Spaß ist vorbei. Der Spaß geht weiter. Spätestens jetzt müssen die Gäste des Etablissements ahnen, dass die radikale Enthüllungs-Revue, der sie hier beiwohnen, um ein todernstes Geheimnis kreist. Das Geheimnis unter der Haut. Weiße Rüschen über Flaschenregalen; vor der Band steht eine abgewetzte Samtsitzgruppe. Rote Logenlämpchen tauchen Berlins Bar jeder Vernunft in Zwielicht. Es folgt die nächste Striptease-Nummer.

Cora Frost, die Avantgardistin unter den deutschen Diseusen, hat ein bildkräftiges Musiktheater geschrieben und gemeinsam mit Nomena Struß inszeniert. "Palast der Liebe" beginnt als atemlose Dauerlauf-Choreographie der Protagonistin Flora durch Spiegelzeltgassen, bedient das platte Gelächter als Nachtclub-Posse, schlägt um in Traumspiele, Märchensequenzen, abgründige Entkleidungstänze. Und gewinnt wieder Bodenhaftung als traurigkomisches Alltagsprotokoll: von einer, die sich auszog und ihre Seele fand.

Flora, die Schülerin und Strip-Novizin, wird traumverloren bodenständig gespielt von Angela Schubot: eine Entdeckung. Die eigene Seele, der sie beim Kotzens auf dem Klo begegnet, ist ein dicker Nackedei (Benjamin Greenberg), welcher nun nie mehr ("Du hast eben eine dicke Seele") von ihrer Seite weichen will. Greenberg war bereits Partner bei Cora Frosts mythisch-sentimentalem Odessa-Abend "Gobstop" vor zwei Jahren (gemeinsam mit dem Obdachlosentheater "Die Ratten"). Mit "Palast der Liebe", unterstützt durch Künstler der Schaubühne am Lehniner Platz, ist die Sängerin nun auf dem Weg von der vielfach gebrochenen Liedpräsentation zur Ensemblearbeit noch weiter vorangegangen. Sie hat mit Emmanuelle Sligchers als liebevoll-brutaler Bardamenoma Traudl und mit ihrer Besetzung für die Girl-Rollen der ewig heiteren Monique, der finsteren Nathalia Nowgorod und der Drag-Queen Vanity Poison kraftvolles Personal gefunden. Selbstgeschriebene surrealistische Songs korrespondieren mit dem Illusionsmaterial aller Hitparaden. Das Zentrum der Veranstaltung sind die verrückt-lakonischen Bilder des Regie-Duos: der Beischlafversuch des jungen Kunden im winzigen Hotelbett (Bühne: Petra Korink); der Kampftanz des bösen Kolibris - Queen Vanity in einem Rausch aus blauen Federboas! - mit Flora, dem schwarzen Schmetterling.

"Das Aufstehen scheint mir wie ein ewig währendes Geburtstrauma. Jeden Morgen muss ich mich neu erfinden," schreibt Cora Frost in dem Buch "Mein Körper ist ein Hotel" über die Zeit ihrer Erfahrung als Stripperin. Für den "Palast der Liebe", ihre Hommage an die "untergehende Welt der alten Nachtclubs", hat sie sich gleich dreimal erfunden. Ihr alter ego ist Flora. Sie selbst gibt breitärschig, totenköpfig den Club-Besitzer Gerard Brüchmann, der auch Programmdirektor sein könnte oder ein ausgebrannter Showmaster. Und singt zwischendurch mit dem frostig-warmen Chanteusenorgan: eine Fluchtreise durch die kleine Markthalle der Begierden und Identitäten. Schwächen der Inszenierung zeigen sich dabei in den Längen des ersten Teils, in der holzschnitthaften Besetzung der jüngeren Bargäste und der zuweilen lyrischen Überfrachtung des Liedmaterials. Vor allem aber verläuft das Finale, wenn die berühmt gewordene Flora zehn Jahren später für einen kurzen Blick an den Tresen der Ex-Geliebten Traudl zurückkehrt, fast belanglos im melancholischen Halbwelt-Schmuddel.

"Bedeckt mich mit Blumen, ich sterbe unter süßen Qualen der Liebe", singt Brüchmann alias Cora Frost, dann geht das Licht aus. Beinahe wäre der Nachtclub zur großen Oper geworden. Die bürgerliche Gesellschaft, spottete Karl Kraus vor hundert Jahren, hat ihre Mütter ins Bordell und die Huren in die Familie gesperrt. "Palast der Liebe" ist eine Fantasie aus den nachbürgerlichen Zeiten der grenzenlosen Unterhaltungsindustrie: über das Ersatzteillager der Lüste als Ersatzfamilie der Sehnsucht. Und den Traum, sich zwar verkaufen zu müssen, aber doch bitte keine Plastikpuppe zu sein, sondern - vielleicht - ein schwarzer Schmetterling.

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