Kultur : Didi Danquarts "Viehjud Levi"

Silvia Hallensleben

Gerade mal 22 Jahre war der Schriftsteller Thomas Strittmatter, als er mit seinem ersten Theaterstück aus der süddeutschen Heimat einen Treffer landete. "Viehjud Levi" war lakonisch, poetisch und inszenierte heimatliches NS-Unrecht. Volkstheater auf den Spuren von Kroetz und Horvath.

Viel zu jung ist Strittmatter im August 1995 mit 34 Jahren gestorben, ein Verlust auch für das deutsche Kino, das er mit seinen Drehbüchern zu den Spielfilmen Jan Schüttes um einige Perlen bereichert hat. "Winckelmanns Reisen", "Drachenfutter" und "Auf Wiedersehen Amerika". Schon "Fette Welt", Schüttes erster Film nach dem Tode seines Co-Autors, zeigte den Verlust: Das delikate Gleichgewicht zwischen sozialer Anklage, Melancholie und einem Hauch Hoffnung hat storytechnische Schieflage bekommen, Atmosphärisches wich dramaturgischer Glätte.

Nun hat sich der Freiburger Didi Danquart jenes ersten Strittmatter-Dramas angenommen. Man sieht diesem Film an, dass er aus einem Theaterstück entstanden ist. Nicht, dass er nichts herzuzeigen hätte, im Gegenteil. Selten ist im deutschen Kino so sorgfältige Kameraarbeit zu sehen. Selten so überlegtes und doch schlichtes Licht. Unten im Schwarzwald gibt es noch richtiges Hell und auch richtiges Dunkel. Und auch alles dazwischen vom verqualmten Schankraum bis zum Wiesengrün.

Es sind die Schauspieler, die agieren, als ständen sie auf der Bühne. Da sitzt jede Bewegung, jeder Satz - besser, präziser, deutlicher als im wirklichen Leben. Alles druckreif: Man "liest" die Regieanweisungen immer am Rande mit. Auch die Erzählstimme versucht sich nicht in Realismus. Das mag ästhetischer Kunstgriff sein. Doch leider sind auch die schönen alten Autos allesamt so blitzblank, als wäre es vorrangig darum gegangen, Regreßforderungen des Oldsmobil-Verleihers zu vermeiden.

"Viehjud Levi" erzählt vom Einzug des Nazismus in den Schwarzwald. Und er erzählt von Levi, der mit seinem Karren und einem Kaninchen namens Jankel über die Dörfer zieht und nicht nur mit Kälbern handelt, sondern den Bauern auch englische Nägel und buntes Garn besorgt. Außerdem interessiert sich der Levi für die Tochter des Horgerbauern. Sogar einen Lippenstift bringt er ihr mit aus der weiten Welt. Die Lisbeth mag den Levi auch. Trotzdem tut sie mit dem Paul, dem Dorfschlawiner (Bernd Michael Lade) herum. Und der Horgerbauer handelt zwar - noch - mit dem Juden, seine Tochter aber würde er ihm nicht zur Frau geben.

Die ersten Nazis kommen aus der Hauptstadt in den Schwarzwald, Reichsbahner zu Tunnelarbeiten, allen voran ein herrenmenschelnder Ingenieur (Ulrich Noethen) samt Sekretärin (Martina Gedeck), die nicht nur blendend aussieht, sondern auch weiß, was sie will und wie sie es bekommt. Recht brachial wird den Dörflern der Hitlergruß beigebracht. Dem renitenten Paul versenkt man das Moped im Teich. Auch an Hakenkreuzfähnchen und Volksempfänger für die Wirtsstube hat der Herr Ingenieur gedacht. Erst gibt es ein bißchen - mehr dumpftrotzigen denn bewußten - Widerstand. Doch dann stellt man sich mit den neuen Herren gut. Vielleicht fällt ja ein Vorteil dabei ab. Nur Levi, der singend durchs Land zieht, kriegt von den Veränderungen erst mal wenig mit. Doch dann findet er eines Nachts seinen Jankel mit abgeschlagenem Kopf.

Natürlich will dieser Film auch Parallellen zu heute ziehen. Dabei aber zeigt er nur Effekte. Warum wird der Horgerbauer zum Nazi? Wo kommt der herumberlinernde Paul eigentlich her? Woher hat er die Anarcho-Attitüden? Überzeugend motiviert werden die Figuren nie, ihre Veränderungen noch weniger. Und auch der soziale Hintergrund ist erstaunlich unpräzise, ja, meist gar nicht vorhanden. Verstehen würden wir wohl kaum, wenn wir nicht schon längst wüssten. Es ist nur die Präsenz der Protagonisten - neben den Genannten auch Eva Mattes als Horgerbäuerin - die uns die Fabel, so wie sie ist, gut und gern glauben läßt.

Am rührendsten dabei Bruno Cathomas und Caroline Ebner als Liebespaar. Als zarte Liebesgeschichte im historischen Fabelgewand ist "Viehjud Levi" ein gelungener Film. Politisch, historisch aber hat er uns wenig zu erzählen. In vielem, der Off-Stimme, den ästhetischen Stilisierungen, dem Holzschnitthaften erinnert "Viehjud Levi" an Stefan Ruzowitzkys "Siebtelbauern". Auch er spielte in einem noch früheren Damals, auch er im ländlichen Süden, auch er hatte eine erhebende, schlichte politische Moral. Auch er war schön anzusehen. Alles gut und schön. Aber brauchen wir solch engagiertes Kino nicht eher im unübersichtlichen Hier und Heute?In Berlin in den Kinos Filmkunst 66, Hackesche Höfe und Moviemento

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