Kultur : Die 10-Millionen- Klamotte Berlins Staatsoper droht Handlungsunfähigkeit

Frederik Hanssen

Mit den Namen Herzog und de Meuron kann man derzeit wuchern. Die Schweizer Architekten haben in Peking ein spektakuläres Stadion gebaut, das zur Ikone der kommenden Olympischen Spiele werden dürfte. Auch die Berliner Staatsoper hat ein Werk des Künstlerduos im Repertoire, im April 2006 schufen die beiden das Bühnenbild zu „Tristan und Isolde“ in der Regie von Stefan Bachmann. Wenn Daniel Barenboim am 12. Mai Richard Wagners Musikdrama dirigiert, wird allerdings wieder die alte Dekoration der Vorgänger-Inszenierung von Harry Kupfer auf der Bühne stehen. Nach nur sieben Aufführungen beschloss die Direktion des Hauses, Herzog und de Meurons sündhaft teure Ausstattung nicht mehr zu zeigen. Ein Fall für den Rechnungshof.

„Aus persönlichen Gründen“ sagte Daniel Barenboim im April fünf „Don Giovanni“-Abende an seiner Staatsoper ab: Einen Zusammenhang mit dem Kampf, den er sich mit Intendant Peter Mussbach über die Frage geliefert hatte, wie die Etataufstockung um zehn Millionen Euro hausintern verteilt werden solle, wollte er nicht hergestellt wissen. Der „Giovanni“ war aber eine Mussbach-Inszenierung. Werden Barenboim die abgesagten Aufführungen vom Gehalt abgezogen, muss er gar die Gage des eingesprungenen Asher Fish bezahlen? Unter den Linden gibt es derzeit keinen, der solche heiklen Fragen entscheiden mag. Georg Vierthaler, der Geschäftsführende Direktor, ist zum 1. Mai ans Konzerthaus am Gendarmenmarkt versetzt worden, Peter Mussbach hat viel Zeit mit seinen Anwälten verbracht, nachdem ihn der Regierende Bürgermeister zum Sommer 2010 rausgeworfen hatte. Seit einigen Tagen ist Mussbach krank gemeldet.

Ronald Adler und Ronny Unganz, zwei Männer aus der zweiten Reihe, die als Interimslösung nun mit Barenboim die Zukunft planen sollen, werden sich kaum trauen, dem mächtigen Maestro Paroli zu bieten. Die für Donnerstag angekündigt Präsentation der kommenden Spielzeit ist bis auf weiteres verschoben. Weil die Zusatzgelder wegen des Streits um einen realistischen Wirtschaftsplan gesperrt sind, droht der Staatsoper die vollständige Handlungsunfähigkeit.

Bei der nächsten Ratssitzung der Opernstiftung am Mittwoch dürfte es darum ordentlich krachen. Die Kulturverwaltung will sich zwar vorab nicht zum neuen Etatentwurf äußern, den Mussbach vorgelegt hat - sollte sich aber herausstellen, dass dieses Papier nicht mit dem Chefdirigenten abgestimmt ist, der eine 1,8 Millionen-Gehaltserhöhung für seine Staatskapelle fordert, könnte Wowereit richtig wütend werden, die gesamte Staatsopernmannschaft entmündigen und einen Notverwalter einsetzen.

Bislang hat sich Daniel Barenboim in dem Konflikt wie die Seeräuber-Jenny aus der „Dreigroschenoper“ verhalten, zugesehen, wie Mussbach und Vierthaler demontiert wurden: „Wenn dann der Kopf fällt, dann sage ich ,Hoppla’!“ Jetzt könnte er selbst Schwierigkeiten bekommen. Frederik Hanssen

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