Kultur : Die Abschiedsouvertüre

WOLFGANG KRALICEK

Drei kurze Stücke zum langen Abschied: Als Auftakt für seine letzte Spielzeit als Burgtheaterdirektor läßt Claus Peymann im Akademietheater jene drei Dramolette von Thomas Bernhard aufführen, in denen der designierte BE-Intendant selbst eine Rolle spielt.

"Claus Peymann verläßt Bochum und geht als Burgtheaterdirektor nach Wien" (uraufgeführt beim Peymann-Abschlußfest im Bochumer Schauspielhaus 1986) zeigt Peymann und seine Assistentin Christiane Schneider ("Fräulein Schneider") beim Einpacken in Bochum ("Wenn wir hier weg sind, können wir aufatmen") und beim Auspacken in Wien ("Am liebsten würde ich gar nicht auspacken und gleich wieder nach Bochum zurückgehen").

"Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" (erstveröffentlicht im "Theater heute"-Jahrbuch 1986) zeigt Peymann und Bernhard bei einem Bummel durch die Wiener Innenstadt; der neue Burgtheaterdirektor redet über das Problem des Hosenkaufs ("Ich weiß nicht, ist es fürchterlicher Shakespeare zu probieren oder sechs Hosen?") und über Österreich ("Die tollste Komödie aller Zeiten ist Österreich, kein Theaterstück der Welt kommt an dieses heran") und fordert den Dichter auf, ein neues Stück ("einen richtigen Welthammer, Bernhard") zu schreiben.

"Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese" (erschienen 1987 in der "Zeit") schließlich zeigt Peymann und seinen Chefdramaturgen im Wienerwald - 1995 war das Stück im Deutschen Theater, anläßlich der Verleihung des Theaterpreises Berlin an Peymann und Beil, Theater in Originalbesetzung zu erleben.Peymann phantasiert davon, "den ganzen Shakespeare an einem Abend" (inclusive die Sonette) aufzuführen, und erzählt dem stoischen Beil von seinen schlimmsten Alpträumen ("Ich träume schon das ganze Jahr, daß ich umgebracht werde").

Der Dramolette-Abend ist die erste Bernhard-Neuinszenierung auf einer österreichischen Bühne seit dem testamentarisch verfügten Aufführungsverbot, das von der neugegründeten Bernhard-Privatstiftung erst vor kurzem aufgehoben wurde.Es gibt im Werk dieses Autors gewiß bedeutendere Dramen als diese Miniaturen; daß es aber auch kaum komischere Bernhard-Texte gibt, wird von der Wiener Aufführung eindrucksvoll belegt.

Der kleine Abend ist ein Triumph der Maskenbildnerei und der Schauspielkunst: Martin Schwab (das Gesicht rot geschminkt, sogar die Augenbrauchen gefärbt) gibt ein verblüffend perfektes Peymann-Double ab; seine Partner werden alle von Kirsten Dene gespielt, die als Thomas Bernhard und Hermann Beil erstaunlicherweise mindestens so überzeugend wirkt wie als Frl.Schneider.Regisseur Philip Tiedemann, Peymanns Lieblingsschüler, inszeniert die Dramolette auf einer charmant konstruierten Mini-Bühne auf der Bühne (Etienne Plüss), läßt die Schauspieler zwischen den Stücken auf offener Bühne am Schminktisch sitzen und hat in den (ursprünglich wohl nicht zur Aufführung gedachten) Miniaturen überraschend viel szenischen Witz entdeckt.

Schade nur, daß Thomas Bernhard kein viertes Peymann-Dramolett mehr schreiben konnte."Claus Peymann verläßt Wien und geht als BE-Intendant nach Berlin", das hätten wir noch gerne gesehen - ergänzt womöglich um "und trifft Rolf Hochhuth".

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