Kultur : Die Abwesende

WETTBEWERB „Il y a longtemps que je t’aime“

Christina Tilmann

Regungslos ist die eine, wirbelnd wie ein Kreisel die andere. Die eine rührt sich nicht, die andere rennt durchs Leben. Kein Wunder, dass da ein Moment des Abbremsens, der Abstoßung entsteht, als diese beiden entgegengesetzten Temperamente aufeinandertreffen. Die erste Umarmung fällt sehr zögerlich aus.

Zwei Schwestern, und doch Fremde. Die ersten Sätze sind höflich, abwartend, dann herrscht wieder Schweigen. Und doch spürt man, von Beginn an, Nähe, Verwandtschaft zwischen der wachen, quicklebendigen Léa (Elsa Zylberstein) und der verschlossenen, geheimnisvollen Juliette (Kristin Scott Thomas). Eine Schwesternnähe, die instinktiv da ist, auch wenn zuerst die Abwehr überwiegt, nach 15 Jahren Trennung. Die zweite Umarmung ist schon herzlicher.

Die Geschichte eines Neuanfangs erzählt der französische Schriftsteller Philippe Claudel in seinem Debütfilm „Il y a longtemps que je t’aime“: den Neuanfang einer Frau, die 15 Jahre wegen Mordes im Gefängnis saß. Kristin Scott Thomas ist es, die diesen Neuanfang zum Leben, zum Leuchten bringt. Wie in ihr graues, blasses Gesicht langsam wieder Farbe und in die müden Augen ein Funkeln kommt. Wie Witz und Selbstironie aufblitzen, in wenigen, unwirsch hingeworfenen Sätzen. Und wie diese Schweigerin, die eine gefängnishohe Mauer zwischen sich und die Umwelt gezogen hat, mit ruhigem Blick alle anderen dazu bringt, ihre Mauern niederzureißen: wunderbar.

Die beiden Schwesternwelten, die einsame von Juliette und die familiäre von Léa, sind schon farblich abgestimmt, das kühle Grau, die klaren Kontraste, die Juliette umgeben, und das warme, heruntergezogene Licht im Haus von Léa. Lange auch bleibt alles in der Schwebe: bei Léas zunächst höchst abweisenden Ehemann Luc, bei Michel, einem Kollegen von Léa, selbst ein verschlossener, einsamer Wolf, und auch dem wohlmeinenden Bewährungshelfer Fauré, der vom Orinoko träumt und am Ende eine viel größere Reise antritt. Auch das trägt lange durch den Film, entfaltet sich erst langsam, graduell, und ungeheuer zärtlich.

Nur schade, dass Claudel, ganz Schriftsteller, am Ende der Versuchung nicht widerstehen kann, die Geschichte restlos auszuerzählen. Vielleicht hat der Kollege Martenstein doch recht mit seiner 20-Minuten-These. Denn die letzten 20 Minuten von „Il y a longtemps que je t’aime“ verraten ihre eigene Figur, machen sie noch einmal zum Opfer, wo sie die Opferrolle längst überwunden hatte und lösen jenes dunkle, lastende Geheimnis auf, das der Figur der Juliette ihren Zauber, ihre Stärke, ihre Tiefe gegeben hat.

Ein Trost zumindest: Da mögen am Ende viele Tränen fließen, viele Sätze gesagt, da mag die Katharsis machtvoll heraufbeschworen werden: die Müdigkeit in Kristin Scott Thomas’ Augen, jene weltenferne Leere, wird bleiben. „The Absent One“ hat man sie im Gefängnis genannt. Von dieser Abwesenheit lebt der Film. Christina Tilmann

Heute 15 und 21 Uhr (Urania)

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