Kultur : Die Achse des Guten

Waffeninspektor James Bond geht mit der Zeit: vom Aston Martin bis zum BMW, vom Kalten Krieg bis zum globalen Terrorismus

Hellmuth Karasek

Vor einem Jahr entdeckte der amerikanische Präsident George W. Bush die „Achse des Bösen“, die aus drei so genannten „Schurkenstaaten“ besteht, dem Irak, dem Iran und Nordkorea. Danach wurde zusätzlich noch bekannt, dass Nordkorea über Atomwaffen verfügen soll.

Der Bond-Film des Jahres 2002 „Stirb an einem anderen Tag“ – es ist der 22. Film in einer 40-jährigen Kette, in dem der Agent mit der Lizenz zum Töten und der 007-Chiffre in jeweils letzter Minute die Welt vor dem großen Untergangscrash rettet – beginnt in Nordkorea und endet am 38. Breitengrad, der letzten Iron-Curtain-Grenze des längst zu Ende gegangenen Kalten Krieges. Diese Grenze ist vermint und mit todesstarrenden Waffen ausgerüstet. Und sie war, neben der Berliner Mauer, der gefährdetste neuralgische Punkt, an dem der im Gleichgewicht des Schreckens ausbalancierte Kalte Krieg jederzeit die Welt wie ein einziges globales Pulverfass (sagen wir zeitgemäßer: ein einziger globaler Feuerball) in einem großen Crash in die Luft zu sprengen drohte: Apokalypse now. Aber das war gestern, tiefstes 20. Jahrhundert.

Lizenz zum Lieben

Nordkorea im Bond-Film wird von einem General Moon diktatorisch regiert, es herrscht eine krude Militärdiktatur, die hoch modern gerüstet ist, genau wie im richtigen Leben. Im Film aber hat der finstere General, der gleichzeitig ein altersweiser, altersmüder Realist zu sein scheint (so gut man das bei Film-Abziehbildern erkennen kann), einen ehrgeizigen Sohn, der seine Feinde mit Hilfe einer Wunderwaffe, einer Kunstsonne, die alles zerschmelzen kann, vernichten will. Als der Vater ahnt, dass sein gegen ihn putschender Sohn damit den Gegenschlag der Amerikaner riskiert und also wiederum dem Atomkrieg und dem Sohn in den Arm fallen will, wird er von seinem zum Briten Gen-verwandelten Früchtchen skrupellos beseitigt. Die Welt kann jetzt nur noch einer retten: natürlich James Bond. Und es versteht sich von selbst, dass 007 dafür mit der wunderschönen milchkaffeebraunen Halle Berry im Bett belohnt wird. Nach der Lizenz zum Töten die Lizenz zum Lieben.

Nordkorea im Besitz einer Wasserstoff-Bomben ähnlichen Waffe, das einen Weltenbrand provoziert, würde es nicht von Bond höchstpersönlich abgerüstet: Wie ein Trivial-Seismograf registriert auch das 22. Filmglitzerding und Bond-Feuerwerk die Ängste, Sorgen, die realen oder albgeträumten Bedrohungen, die die Welt und Vorstellungswelt der Zeitgenossen beherrschen – in dem hinreißenden Vulgär-Mythos vom omnipotenten, allmächtigen Retter.

Sean oder nicht Sean

Da wir im Kino alle gern kindlich werden, aber nicht für dumm verkauft werden wollen, geht das natürlich nur mit einem ironischen Augenzwinkern. So real die Welt in Bond-Filmen ist, real wie die schöne bunte Werbewelt, nur mit tödlichen Waffen, so märchenhaft oder comic-artig ist sie aufgehoben: Dem James Bond, wie ihn nun Pierce Brosnan spielt, (wahrscheinlich nach Sean Connery der Bond, dem die Rolle am besten sitzt), wird durch sämtliche Raketen, Luftkissenpanzer und Flugkatastrophen im Grunde kein Haar gekrümmt. Seine Frisur übersteht die heißesten Schlachten gegen Schurken und die feurigsten Bettgefechte unzerzaust, sein Brioni-Anzug ist ebenso flammenwerferresistent wie seine blendenden Zähne unzerstörbar. Ein Märchen für uns alle: Und weil er nie gestorben ist, lebt er noch heute. Auch wenn für den ewig lebenden Bond inzwischen der fünfte Schauspieler in die gleiche Rolle geschlüpft ist.

Ein Usurpator in einem Schurkenstaat, verrückt nach weltvernichtenden Waffen – wer möchte da nicht an Nordkorea oder an den Irak Saddam Husseins denken, und wer hätte da nicht gerne einen Waffeninspektor wie Bond, James Bond, auch wenn er ihm dafür von Ursula Andress bis Halle Berry alle schönen Frauen ausliefern und unzählige Martinis, geschüttelt und nicht gerührt, servieren muss?

Bond geht mit der Zeit, so viel ist gewiss. Er ist nicht nur der werbewirksame Kleiderständer jeder ausgefeilten Herrenmode, an seinem Verhältnis zu Frauen lässt sich nicht nur der Grad der Emanzipation ablesen, zu der eine Macho-Welt bereit ist. Nein, er spiegelt auch den Fortschritt von Technik und Wissenschaft, und sie wird im neuen Bond genmanipuliert, dass es eine Freude ist. Bond, das ist unser aller Abenteuer-Tourist, die Aufgabe, die Erde zu retten, hält ihn ganz schön auf Trab, mal wellenreitend, mal den neuesten BMW oder jetzt wieder sagenhaften Aston Martin fahrend. Der kann unsichtbar gemacht werden. Das ist nicht bloß die moderne Version der Siegfried-Tarnkappe, das ist auch ungeheuer praktisch fürs Parken im Halteverbot.

So sehr Bond mit der Zeit geht, so sehr er versucht, unserer Freude an den Erfindungen und technischen Entwicklungen die Angst vor ihrem Missbrauch – also die schreckliche apokalyptische Bedrohung – zu nehmen, dieser allmächtige Geheimagent ist ein Geschöpf des Kalten Krieges.

Ian Fleming schrieb seine Romane und schuf seinen britischen Geheimagenten in der frostigsten Zeit des Kalten Krieges, den fünfziger Jahren. „Casino Royale“, der erste Roman, erschien 1953. Damals, in den Zeiten des wahnwitzigen Wettrüstens, waren Geheimagenten die wichtigsten Krieger des Kalten Krieges, in geheimen Missionen (Schweinebucht, Aufklärungszwischenfall der U2 von 1962) fanden die wichtigsten Schlachten statt. Kein Wunder, dass man sich nach einem Wunderagenten sehnte, der alles unter Kontrolle hatte und Spionage und Gegenspionage beherrschte wie kein Zweiter. In der Lizenz zum Töten spiegelte sich die Ahnung von den unterirdischen Stellvertreter-Kriegen, die die Agenten führten, mit denen sie Regierungen stürzten, Staatsstreiche inszenierten. Die Geheimdienst-Chefs waren (sind?) die mächtigsten Herren der Welt.

Fleming, Brite vom Scheitel bis zur Sohle, wollte auch das Selbstgefühl des zur Chimäre geschwundenen Empires gegenüber dem übermächtigen amerikanischen Bruder aufpolieren. Noch in den Bond-Filmen sind die Ami-Kollegen meist dümmer, tollpatschiger und rüpelhafter als der elegante Bond. Halle Berry hingegen ist, obwohl Bond auch ihr das Leben retten muss, ihm als US-Agentin ebenbürtig und Bond in Liebe verbunden – ein Zeichen der Verbundenheit zwischen Tony Blair und Bush.

Ostschurken, Westschurken

Als der erste Bond-Film 1962 in die Kinos kam, war der Kalte Krieg vorbei; die Filme reflektieren ihn daher nur noch ironisch. Private Schurken, größenwahnsinnige geld- und weltherrschaftsgierige Verbrecher, in Syndikaten („Spectre“) zusammengeschlossen, sind die eigentlichen Gegner Bonds – der eindrucksvollste der „Goldfinger“ Gert Fröbes von 1964. Sie benutzen den OstWest-Konflikt nur noch als Täuschungsmanöver, indem sie „den Russen“ oder „den Amerikanen“ ihre Schurkereien in die Schuhe zu schieben suchen. Bond hilft. Immer. Die Welt bleibt in Takt.

Doch stets tickt am Ende eines jeden Films eine Zeitbombe, die den großen Bang auslösen könnte, würde Bond sie nicht in letzter Sekunde entschärfen. Diese tickende Zeitbombe war das Echo auf die Weltuhr des Atomzeitalters, die warnend auf wenige Minuten vor zwölf zeigte. Diese Zeitbombe tickt im neuen Bond nicht mehr. Leben wir in besseren Zeiten, trotz Schurkenstaaten, Terroristen, der „Achse des Bösen“? Nein, denn obwohl es nicht mehr fünf vor zwölf zu sein scheint, die Erde würde ohne Bond noch immer in die Luft gehen. Aber er ist ja wieder da und zur Stelle.

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