Kultur : Die Acht-Stunden-Revolution

JAN SCHULZ-OJALA

Das Babylon Mitte zeigt "Satanstango" und andere ungeheure Filme des Ungarn Bela TarrVON JAN SCHULZ-OJALANichts passiert in dieser Welt.Fast nichts passiert in diesen Filmen.Zeit vergeht.Und Leute sind (und vergehen).Und doch bietet das Werk des Bela Tarr ein Äußerstes an Erfahrung.Wer sich ihm aussetzt - und es ist buchstäblich ein Ausgesetztsein in diesen Bildern und der Zeit, die man mit ihnen verbringt -, sieht Zeit neu.Und Filme.Und trennt in ein Davor und Danach: was so war, bevor Bela Tarr einem seine Wahrnehmungsmesser ins Gedächtnis schnitt, und was später kam.Das Später hat, zeitweise zumindest, einen schweren Stand. "Satanstango" dauert siebeneinhalb Stunden.Vor vier Jahren auf der Berlinale füllte der Film, unterbrochen nur durch zwei Kaffeepausen, einen ganzen Tag im Delphi, und wer ihn gesehen hatte, war nachher nur noch wenig tauglich für hurtige Bildwechsel, Plappermäulchen-Dialoge und die üblichen Tränen-Stimulantien von tausend Geigen plus Klavier.Schon die erste Einstellung - von doppelter Kurzfilmlänge - schnallte einen förmlich im Kinositz fest, hyperwach.Und dabei gab es nicht mehr zu sehen als eine hirtenlose Kuhherde, die aus einem Stall heraustrieb und irgendwann eins wurde mit einem horizontfernen unendlichen Grau.Später kamen Menschen dazu: ein Koloß von Trinker an seinem Schreibtisch, Buchhalter des Nichts; ein häßliches Mädchen, das seine Katze ertränkt; Säuferpaare, die in einem Schuppen tanzen zu wunderbar schleifenden Akkordeon-Akkorden viertelstundenlang bis in Besinnungslosigkeit.Ein Film, der keinen Anlauf nahm, sondern gleich in seiner stillen Mitte war und sie dann, sehr spannend, aus verschiedenen Perspektiven ausleuchtete.Nachher standen Bela Tarr und sein Autor und Freund Laszlo Krasznahorkai, beide knapp vierzig, langhaarig, langbärtig, vor ihrem spärlichen Publikum und beantworteten die spärlichen Fragen.Warum so lang?, fragte einer.Krasznahorkai: "Diese acht Stunden sind doch nicht viel für eine Revolution." Schön programmatisch, daß das Babylon Mitte heute seine Tarr-Werkschau mit "Satanstango" eröffnet - und wohl auch praktisch, diesen ungeheuren Film an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zu zeigen.Und doch fast, man verzeihe das Wort, ein Sakrileg: so happenweise, als Zweiteiler, in der Mitte durchgebrochen das Stück, das quer liegt zu unserer Vorstellung von Zeit."Verdammnis", sieben Jahre vor "Satanstango" entstanden, ebenfalls in Schwarzweiß, ebenfalls ein Welten-Teiler im Filmfest-Forum, ist mit 110 Minuten vergleichweise kurz - und führt doch in dieselbe Bilder- und Gefühlswelt, in jenen Mix aus Dostojewski und Tarkowski, dem Tarr sein Unverwechselbares hinzufügt: den unaufhörlichen Regen, unter dem jedweder Asphalt davonzuschwemmen scheint über einer sich aufwölbenden Erde; die somnambulen Armeleutenächte voller Tanz und Gesang; die unendlich langsamen Kamerafahrten entlang an wie ausgeweidet erscheinenden Behausungen, in denen reglos Menschen stehen.Es gibt in "Verdammnis" eine "titanik-bar", wie sie nah-östlicher und nah-vergangener nicht denkbar wäre und in der man am liebsten einen Tisch auf Lebenszeit buchen würde; und es gibt in diesem Film ein unvergeßlich stummes Aneinanderstoßen der Geschlechter und ein großes, dunkles Alleinbleiben.Manchmal hebt eine Geschichte an, eine Intrige, eine Denunziation, aber Vorsicht, wahrscheinlich macht sich Bela Tarr nur über die üblichen Mechanismen lustig, sich - im Kino, im Leben - die Zeit zu vertreiben. Sechs Filme dieses ungarischen Meisters, der nach dem Abitur jahrelang als Hilfsarbeiter und Portier arbeitete, bevor er auf die Filmhochschule ging, zeigt das Babylon - vier davon erstmals in Deutschland.Der Blick in seine frühen Schaffensjahre birgt Entdeckung und Enttäuschung zugleich.Denn anders als andere Künstler - dies lassen zumindest "Der Außenseiter" (1979) und "Herbstalmanach" (1983) erkennen, die vorab zu sehen waren - entfernt sich Tarr mit wachsendem Alter immer kühner aus jedweder Konvention.So meint man in den beiden frühen (Farb-!)Filmen immer wieder nachhallen zu hören, wie der Regisseur - welch seltsames Wort - "action!" gerufen haben mag; und doch keimt auch in ihnen bereits die spätere ästhetische Radikalität.Schon "Der Außenseiter" erzählt zunächst eine Geschichte und findet doch alsbald zum tarr-typischen Stillstand: ein barmherziger Psychiatrie-Pfleger, der mit seinen Patienten trinkt und ihnen, auf der Geige spielend, Augenblicksglück ins Gesicht zaubert, verliert seinen Job, findet einen anderen in der Fabrik und gerät an ein unbarmherzig nüchternes Mädchen, das er auch noch heiratet.Oder heiratet sie ihn? Gehört er überhaupt zu ihr, dieser qualvoll milde, konfliktunfähige Junge? Keine Antwort."Herbstalmanach" dagegen führt fünf Personen in einer weitläufigen Wohnung zu wechselnd figurierten Dauerdialogen zusammen - ein Reigen um eine alte, mächtige Frau und ihren Nichtsnutz von Sohn, ihre Krankenschwester und deren zwei ebenso nichtsnutzige Liebhaber.Auch hier steht eine Heirat am Ende.Sie bedeutet nichts.Genauer: Sie bedeutet, daß sie nichts bedeutet.Wie das so ist in der hoffnungslos klaren Welt des Bela Tarr. Babylon Mitte, bis 15.April. Termine unter Telefon 242 50 76

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