Kultur : Die Ära Adrienne

Ein

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von Christina Tilmann

Irgendwann wird man vielleicht von der „Ära Adrienne“ in Berlin sprechen. Und damit eine Zeit meinen, in der hier besonders heftig, laut und engagiert über Kultur gestritten wurde. Darüber, was für eine Kultur wir haben wollen, vor allem, wenn sie in der Hauptstadt stattfindet und vom Staat bezahlt wird. Darüber, wo diese Kunst gezeigt werden soll, und von wem. Und darüber, wie eng ein Kurator, der über die Subventionsvergabe entscheidet, mit seinen Antragstellern befreundet sein darf. Dass längst nicht alles geklärt ist im Verhältnis zwischen Kunst und Staat, wird man aus dieser Zeit als Erkenntnis mitnehmen. Und dass eine solche Umbruchzeit nicht der schlechteste Katalysator für Kultur ist.

Vier Jahre lang, bis zum heutigen Tag, war Adrienne Goehler, die Frau mit den schwarzen Locken und den bunten Ohrringen, Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds – jenes mit rund zehn Millionen Euro dotierten Fördertopfes, den einst Michael Naumann erfand, um hauptstadtwürdige Kultur in Berlin zu fördern. Das Ergebnis hatte er sich wohl kaum so vorgestellt: Adrienne Goehler, zuvor GAL-Abgeordnete in Hamburg, dann Präsidentin der dortigen Kunsthochschule und kurzzeitig unter Rot-Grün Berlins Kultursenatorin, förderte konsequent Off-Kultur, Streit-Kultur, Polit-Kultur – nicht nur, aber dezidiert. Und eckte damit regelmäßig an, bei der Boulevardpresse, konservativen Politikern, manchmal auch bei ihrer liberalen Vorgesetzten, Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Vieles, worüber in Berlin in den letzten Jahren gestritten wurde, war vom Hauptstadtkulturfonds gefördert worden. Ein Prädikat.

Es waren keine unwichtigen Themen. Es ging um den Abriss des Palasts der Republik oder die Rolle der RAF, um die Off-Szene von Sophiensälen oder HAU, es ging um Graffiti-Kunst, die das Künstlerhaus Bethanien zeigen wollte, oder um modernes Tanztheater. Es war eine Kultur, wie man sie vom Charakter her eher an der Volksbühne als an der Staatsoper, eher bei den Kunst-Werken als bei den Staatlichen Museen sucht. Mit vielen Protagonisten wie Amelie Deuflhard oder Matthias Lilienthal ist Goehler gut vernetzt, so dass ihr gelegentlich der Vorwurf der Vetternwirtschaft gemacht wurde. Es war eine verschworene Szene, die seit den späten Neunzigerjahren in Berlin für einen alternativen Kulturbegriff stand, einen lebendigen, kreativen, nicht institutionalisierten. Adrienne Goehler würde, wie in ihrem aktuellen Buch, von „Verflüssigung“ sprechen.

Im Rückblick wird man vielleicht sagen, dass es solche Projekte waren, die das Bild der Berliner Kultur in jenen Jahren prägten. Projekte, für die man aus aller Welt an die Spree kommt. Nun folgt ein anderes Berlin. Der Palast wird abgerissen, Amelie Deuflhard wechselt nach Hamburg, Bernd Neumann verwaltet als Kulturstaatsminister das BKM und der Kulturmanager und Ex-Philharmoniker-Intendant Elmar Weingarten übernimmt den Hauptstadtkulturfonds. Die Ära Adrienne in Berlin ist zu Ende.

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