Die Affäre Manon : Gelsenkirchener Musiktheater zeigt Internetoper

Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier wagt ein Experiment - mit einer Internetoper versucht sie, ein jüngeres Publikum zu erreichen.

Georg Rudiger

Immer mehr Opernhäuser nehmen sich vor, neues Publikum zu gewinnen, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sind. Aber wo sind sie? Auf jeden Fall im Internet; laut Statistik in Deutschland rund zwei Stunden jeden Tag. Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier wagt ein Experiment. „Die Affäre Manon“ nennt sich ihre Internetoper, die im Rahmen des Henze-Projekts der europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 über die Bildschirme geht.

Das Team um Dramaturgin Anna Melcher und Produktionsleiter Dirk Schattner hat sich entschieden, die Geschichte und die Musik vorzugeben und diese den Usern auf der Website für eine kreative Auseinandersetzung zur Verfügung zu stellen. Zensiert wird nicht. „Man muss sich der Vielfalt stellen. Wir vertrauen auf die anarchische Kraft des Internets. Da kann es schon passieren, dass neben Hochwertigem auch Schrott zu sehen ist“, sagt Anna Melcher.

In der Internetoper „Die Affäre Manon“ stecken eigentlich zwei Opernwerke: Giacomo Puccinis 1893 uraufgeführtes lyrisches Drama „Manon Lescaut“ und Hans Werner Henzes 1952 entstandenes Musiktheater „Boulevard Solitude“. Beide Werke basieren auf dem Roman des französischen Schriftstellers Abbé Prévost. Die verwickelte Liebesgeschichte von Manon und dem Chevalier Des Grieux endet in der Verbannung – und in der Wüste, wo sie in den Armen ihres Geliebten stirbt. Für das Internet wurde das Melodram in 50 rund dreiminütige Häppchen, sogenannte Episoden aufgeteilt. Die ersten 22 werden mit der Musik Puccinis unterlegt, danach kommt Henze ins Spiel. Es gibt Rückblenden und Nebenhandlungen.

Um bei der „Internetoper“ mitzuwirken, muss man auf der Website die Toolbox anklicken. Dort findet man zu den einzelnen Episoden eine kurze Inhaltsangabe, zwei Orchesteraufnahmen mit und ohne Sänger. Nun kann man Szenen bebildern oder zeichnen, die Solostimme neu einsingen oder die Musik als Background für eine neue Geschichte verwenden und das Ganze als Film oder Audiodatei auf die Website stellen.

Vierzig Beiträge sind bisher zusammengekommen, und sie sind im Prinzip so originell oder abgegriffen wie die Regieanstrengungen auf den realen Opernbühnen. Da spielen Medientechnik-Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg eine Restaurant-Szene zur Episode „Die Begegnung“, die an eine Fernseh-Soap erinnert. Beim Candlelight-Dinner bewegt das Liebespaar zur Musik Puccinis schmachtend die Lippen. Das ist so kreativ wie Malen nach Zahlen und eine Karikatur von Oper, die aber von den Studenten wohl ernst gemeint ist.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Video zur „Tanzstunde“, bei dem ein Autor namens sputdix in einem liebevollen Animationsfilm Barbie-Puppen zum Tanzen bringt. Das Experiment läuft noch bis Jahresende (www.internetoper.de).

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