Kultur : Die afghanischen Taliban: Krieg als Fundament

Elke Windisch

Der Feldzug der Taliban gegen das universelle Kulturerbe hat die Welt auch an einen schon fast vergessenen Bürgerkrieg erinnert - den Bürgerkrieg in Afghanistan. Und an ein Land, das selbst durch den seit Jahrzehnten andauernden Konflikt mit unterschiedlichen Parteien fast vollkommen zerstört ist. Die Taliban beschießen nun die buddhistischen Denkmäler, doch das allein macht sie nicht gefährlich. Die Welt soll wieder hingucken, wenn die selbst ernannten Befreiungskrieger ihren islamischen Gottesstaat errichten und dabei womöglich auch die Anrainerstaaten bedrohen. Noch sind die Taliban keine Macht, aber die schleichende Talibanisierung etwa in Pakistan hat längst begonnen. Auch dafür ist die Zerstörung der Denkmäler ein Zeichen. Vielleicht ein Fanal.

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Afghanistan

In Afghanistan leben vier Volksgruppen eher schlecht als recht zusammen: Im Norden Tadschiken und Usbeken, im zentralen Bergland die Hazara und im Süden die Paschtunen. Mitten durch deren Siedlungsraum zogen die Briten vor rund 150 Jahren die Grenze zwischen ihrer Kronkolonie Indien und dem abhängigen Königreich Afghanistan. Sie machte die Paschtunen, deren Eliten das Land seit Jahrhunderten regierten, nach der Abspaltung der muslimischen Gebiete Indiens und der Gründung eines pakistanischen Separatstaates sowohl dort als auch in Afghanistan zur Minderheit.

Allianz der Sieben

Doch diese Minderheit ist militant. Sie zwang Moskau und den von den Sowjets an die Macht gehievten tadschikischen Clans nach der Intervention 1979 den Dschihad - den Heiligen Krieg auf. Zumal die afghanischen Tadschiken mehrheitlich Ismailiten sind - schiitische Muslime, die früher der Lehre des altiranischen Propheten Zarathustra anhingen. Die Paschtunen hingegen sind als Sunniten Verfechter eines klassischen Islams, wie er in den meisten arabischen Staaten praktiziert wird.

Der gemeinsame Kampf gegen die Schurawi, wie die Afghanen die Invasoren nannten, drängte die Konflikte nur zeitweilig in den Hintergrund. Zwar vereinbarten Tadschiken, Usbeken und Teile der Paschtunen im März 1992 die "Allianz der Sieben", die im April die Moskauer Marionette Nadschibullah stürzt und im darauf folgenden Juli eine Koalitionsregierung bildet. Präsident wird der Tadschikenführer Burhanuddin Rabbani, Verteidigungsminister Ahmad Schah Massud, auch er ein ethnischer Tad schike. Regierungschef wird der Paschtunen-Vormann Gulbeddin Hekmatyar.

Schon im April 1993 zerbricht das Bündnis im Gerangel um Kompetenzen und Pfründe: Premier Hekmatyar liefert seinem Präsidenten blutige Schlachten, die mit einer Quasi-Dreiteilung des Landes enden: Hekmatyar kontrolliert den Süden, an Schah Massud, der Rabbani nur noch als Aushängeschild benutzt, geht der größere Teil des Nordens, Herr der sieben Nordwestprovinzen dagegen wird Usbeken-General Abdurraschid Dostum, der - ebenso wie Hazara-Häuptling Chalili - mit Schah Massud und Rabbani punktuell zusammenarbeitet.

Kreuz und quer verlaufen die afghanischen Fronten nunmehr, und genau das ruft die Taliban auf den Plan - fanatisierte pakistanische Studenten paschtunischer Herkunft und afghanische Paschtunen, die während der Besatzung nach Pakistan geflüchtet waren. Zunächst räumen sie mit der Armee Hekmatyars auf, der ihrer Meinung nach die in ihn gesetzten Erwartungen - in Afghanistan wieder klare ethnische und religiöse Mehrheiten zu schaffen - nicht erfüllt hat. Mit Hekmatyar haben sie ohnehin noch eine interne Rechnung zu begleichen: Er gehört zum Paschtunenstamm der Gilsai, mit dem die Durrani, aus dem die Mehrheit der Taliban kommt, seit mehreren Jahrhunderten auf dem Kriegspfad sind.

Schon im März 1995 stürmen die Taliban erstmals Kabul, im Oktober ein zweites Mal. Erfolg haben sie erst beim dritten Mal, im Herbst 1996. Unmittelbar danach wird der Vertreter der Moskauer Interessen - auch er ein Gilsai - öffentlich hingerichtet. Ein Arrangement mit Rabbani, der zeitgleich vergeblich versucht, sich ein weiteres Mal mit Hekmatyar zu einigen, lehnen die Taliban ab. Ende 1997 kontrollieren sie zwei Drittel Afghanistans und treiben die regierungstreuen Truppen gen Norden vor sich her.

Die Offensive kommt jedoch zum Stehen: Pakistan hat Angst vor einem möglichen Groß-Paschtunistan unter Einschluss der eigenen Nordprovinzen und friert die Unterstützung der Koranschüler weitgehend ein. Doch die Taliban sind durch Einnahmen aus dem Drogenhandel der Steuerung durch die einstige Schutzmacht schon entglitten. Mazar i-scharif, die nördliche Hauptstadt Afghanistans, wo die Taliban-Gegner aus der Nordallianz (NA) ihr Hauptquartier haben, fällt im Juli 1998. Auch, weil die Usbekengeneräle sich im Entscheidungsgefecht verabschieden. Im Sommer 2000 fällt mit der Stadt Tolukhan die letzte befestigte NA-Stellung. Schah Massud gelingt im Spätherbst zwar eine Gegenoffensive, die die Nordgruppe der Taliban inzwischen von drei Seiten in die Zange genommen hat, und er verhandelt erneut mit den Usbeken und Hekmatyar. Kämpfen kann er nur mit halber Kraft: Die Taliban benutzen rund 100 000 Kriegsflüchtlinge als lebenden Schild.

Präventivschläge erwogen

Moskau sah lange zu. In einer mäßig starken islamischen Opposition, die sich unter dem Protektorat der Taliban zu den Regimen in Zentralasien formierte, sah der Kreml das beste Faustpfand für die Loyalität seiner Ex-Vasallen. Erst seit letztem Sommer, als die Taliban bis zur ehemaligen UdSSR- Südgrenze vorstießen und usbekische Islamisten in Zentralasien einfielen, rollt massiv Unterstützung für die Ex-Unionsrepubliken und die NA. Kurzzeitig erwog der Rat der GUS-Verteidigungsminister sogar Präventivschläge auf Taliban-Ausbildungslager.

Hintergrund:
Stichwort: Die Buddha-Statuen von Bamiyan Die Taliban begannen ihren Siegeszug 1994 mit Hilfe Pakistans

Angst vor dem Export der islamischen Revolution bewog Russland und die USA im November sogar, dem UN- Sicherheitsrat gemeinsam Sanktionen gegen die Taliban vorzuschlagen. Mit bisher geringem Nutzen. Das Embargo kann in dem total zerrütteten Afghanistan weder durchgesetzt noch kontrolliert werden. Den USA geht es zudem ohnehin in erster Linie darum, Taliban-Dauergast bin Laden zur Strecke zu bringen. Eine konzertierte Aktion, die auch Iran einbeziehen müsste, kommt für Washington schon aus Prestigegründen nicht in Frage.

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