Die Afrika-Initiative One Fine Day : Lasst tausend Farben fließen

Kunstunterricht im kenianischen Slum: Ergebnisse der Initiative von Marie Steinmann und Tom Tykwer sind jetzt in der Ausstellung „Picha/Bilder – Zwischen Nairobi & Berlin“ im Me Collectors Room zu sehen.

Jens Hinrichsen
Fliegen lernen. Kenianische Kinder bei einem Workshop mit der Künstlerin Zuzanna Czebatul.
Fliegen lernen. Kenianische Kinder bei einem Workshop mit der Künstlerin Zuzanna Czebatul.Foto: One Fine Day e.V.

„Ja, genau so, jetzt stimmt’s!“, ruft Tom Tykwer, als zwei Mitarbeiter im Me Collectors Room ein abstraktes Bild auf die richtige Seite drehen. Die farbige Tinte auf Zhivago Duncans Leinwandbild „The Core“ muss ursprünglich von oben nach unten gelaufen sein, aber das fertige Werk soll um 180 Grad gedreht werden. Bei dem US-amerikanischen Künstler läuft Farbe grundsätzlich nach oben, vielleicht weiß Tykwer das, vielleicht macht er mit „So muss es sein“ auch nur einen Witz. Dass Künstler gegen die Schwerkraft und gegen das Unabänderliche opponieren, weiß der Regisseur von Filmen wie „Lola rennt“, „Das Parfum“ und „Wolkenatlas“ aus eigener Erfahrung.

2008 haben Tykwer und seine Frau Marie Steinmann die Initiative One Fine Day e.V. gegründet, parallel zu One Fine Day Films, die Filme produziert und Workshops dafür anbietet. Als „eine Art Kunst-NGO“ (Tykwer) leistet der Verein Entwicklungshilfe der besonderen Art in Ostafrikas größtem Slum Kibera im kenianischen Nairobi. Wer dort zur Schule geht, soll eigentlich bloß Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, „in den 90er-Jahren wurde Kunstunterricht von den Lehrplänen gestrichen“, erzählt Marie Steinmann. An vier Partnerschulen in den Slums von Nairobi hat One Fine Day ästhetische Bildung wieder möglich gemacht.

Im Me Collectors Room gibt die Kunstschau „Picha/Bilder – Zwischen Nairobi & Berlin“ einen Eindruck von den Aktivitäten. Dass sich die Schüler auch für eine der Sparten Tanz, Musik, Zirkusakrobatik, kreatives Schreiben und Theater entscheiden können, dokumentiert ein Video im vom Kunstsammler Thomas Olbricht erbauten Ausstellungshaus. Im Mittelpunkt steht aber die bildende Kunst. Sämtliche Werke sind verkäuflich, der Erlös kommt dem Verein zugute.

Im Me Collectors Room sind jetzt Arbeiten der Kinder aus den Workshops mit Künstlern zu sehen

Zhivago Duncan war im Mai 2014 der erste Künstler, der in Kibera einen Kunst-Workshop mit Schülern leitete. In Berlin sind jetzt ausgewählte Arbeiten der Kids zu sehen, dazu jeweils das Werk eines Künstlers. Nach Duncan waren auch Zuzanna Czebatul, Andreas Golder, Amélie Grözinger, Markus Keibel und Ulrich Wulff für One Fine Day unterwegs. Die Künstler machten die Schülerinnen und Schüler mit ihren Techniken bekannt und entwickelten daraus Übungen für die Kinder und Jugendlichen.

Kinder im Workshop mit Amélie Grözinger zum Thema Falttechniken.
Kinder im Workshop mit Amélie Grözinger zum Thema Falttechniken.Foto: One Fine Day e.V.

Caroline Kryzecki etwa präsentiert eine ihrer großformatigen KugelschreiberZeichnungen, in der sich rote und blaue Liniennetze so durchdringen, dass sich flimmernde Moiré-Strukturen bilden. „Erst dachte ich, mit den Kids könnte ich dasselbe machen“, sagt Kryzecki. Aber der Kuli ist in Afrika ein Statussymbol, das man sich in die Hemdtasche steckt.“ Als Schülerarbeiten sind jetzt kleinformatige Zeichnungen mit Ölkreide zu sehen, abstrakte Strukturen statt Autos, die die Jugendlichen sonst zeichnen. „Es war eine Herausforderung für sie, aufs Figurative zu verzichten“, erzählt Kryzecki. „Doch die Schüler waren begeistert.“

Das Ehepaar Marie Steinmann und Tom Tykwer erzählt von den Besonderheiten des Projekts

Sich konzentrieren, selbstvergessen den Slum-Alltag ausblenden, das sei in Kibera nicht selbstverständlich, meint Tykwer. Und die Innenwelt anzuzapfen, ins Bild zu setzen, „was für uns ziemlich normal ist, müssen die Jugendlichen erst einmal lernen. Aber die Wirkung ist spektakulär, ein großes Glücksmoment für alle.“ Marie Steinmann erzählt begeistert, dass die Kids „alles aufsaugen, was sich ihnen bietet“.

Erik Schmidt, ein Grenzgänger zwischen Fotografie, Film und Malerei, der gemeinsam mit den Schülerinnen und Schüler Bilder aus über- und nebeneinander auf Papier abgeriebenen Zeitungsmotiven herstellte, berichtet von seinem Kulturschock in Kenia: „Anders als auf Fotos ist der wirkliche Slum keine Spur pittoresk. Gestank, kaum Wasser, Matschwege, deinen Malpinsel wäschst du in einer braunen Pfütze aus.“ Doch wie alle Beteiligten berichtet auch Schmidt von einem Enthusiasmus der Schüler, von dem Lehrer im deutschen Schulbetrieb nur träumen können. Um die auf sieben bis zehn Tage befristeten Workshops nicht im Sand verlaufen zu lassen, übernehmen Lehrer vor Ort die Programme.

Ein Junge namens Stacy hat sich schwarz-rot-gold maskiert

Die schlechte Versorgungslage in Kibera zeigt sich auch an den Materialien. So musste Pola Sieverding auf ihren Plan verzichten, die Schüler mit Video oder Fotografie experimentieren zu lassen. Stattdessen wurden in Gruppenarbeit Gipsmasken hergestellt und mit Fundstücken und Farbe zu Fantasie-Gesichtern verarbeitet. Ein Junge namens Stacy hat sich mit dem Schwarz-Rot-Gold der deutschen Flagge maskiert. Bogenförmige Farbstreifen wie traurig hängende Mundwinkel. Dahinter auf einem Foto unscharf die Blechhütten von Kibera.

Steigende Schülerzahlen, schlecht ausgebildetes Lehrpersonal, Prüfungsdruck zulasten einer umfassenden Bildung, zu der eigentlich so etwas wie Persönlichkeitsentwicklung gehört: An öffentlichen Schulen in Kenia herrschen alles andere als paradiesische Zustände. In Slums wie Kibera potenziert sich die Bildungskatastrophe. Ein schwerer Alltag, von dem man im Me Collectors Room allenfalls eine Ahnung bekommt. Der Abstand „zwischen Nairobi & Berlin“ ist immens, wer sich ein genaues Bild von der Lage machen will, müsste schon selbst hinfahren.

Es wäre leicht, die Ausstellung „Picha/Bilder“ als Beschönigungsaktion zu kritisieren. Dabei zeigt sie, dass Selbstausdruck kein Luxus ist, sondern ein Menschenrecht. Plötzlich klingt „Kreativität“ nach einer Energiequelle, die Menschen und Gesellschaften verändern könnte. Auf der Berlinale war „Beuys“ von Andres Veiel zu sehen, das Filmporträt eines Künstlers, der für seine Gleichung „Kunst=Kapital“ belächelt wurde. Gibt die Schaffensfreude der Kinder von Kibera ihm nicht recht?

Me Collectors Room Berlin, Auguststraße 68, bis 4. Juni, Di–So 12–18 Uhr. Infos zur Initiative: https://www.onefineday.org

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