Kultur : Die Akademie der Künste lädt ab heute abend zur Diskussion

Hans-Jörg Rother

Was mag eine deutsche Kunstakademie im Auge haben, wenn sie über ungarische Filme sprechen will? Sucht sie Spiegelbilder für die Interessen ihrer Mitglieder oder möchte sie, in einem Akt europäischer Verbundenheit, vorurteilslos nach den Möglichkeiten der Filmkollegen in Budapest fragen? Sind es die Vorboten der Buchmesse in Frankfurt mit ihrem Schwerpunktthema Ungarn? Oder könnten Unkenntnis gegenüber der neuen ungarischen Kinematographie, die jährlich etwa zwanzig Spielfilme fast ausschließlich für das einheimische Kino und Fernsehen produziert, das Thema sein, und die Distanz zwischen Ungarn und Deutschland - eine Distanz, die man in Ost wie West 1989 überwunden glaubte?

Solche Überlegungen würden kaum aufkommen, wenn das Filmprogramm der Akademie im Rahmen der Städtebegegnung Budapest-Berlin sie nicht provozierte. Von den neun Spielfilmen der Reihe sind die meisten "Oldtimer", die durch Fernsehen, Festivals, Programmkinos oder das einst rührige "Haus Ungarn" in Berlin zumindest einem Teil des Publikums schon bekannt sein dürften. Bei zwei Werken gehören Akademiemitglieder zu den Schöpfern: "Liebe" aus dem Jahr 1970 entstand, unter der Regie von Kßroly Makk, nach einem Szenarium, das kein Geringerer als der seinerzeit mit einem Publikationsverbot belegte György Konrád, unter einem Pseudonym, nach zwei Novellen von Tibor Déry schrieb, eine unerhört ergreifende und bitterkomische Geschichte aus der schlimmen Zeit des Stalinismus. Die einstige Max-Reinhardt-Darstellerin Lili Darvas spielt darin eine ans Bett gebundene, kapriziöse alte Dame, der die Schwiegertochter die Inhaftierung ihres Sohnes als glanzvolle Reise nach Amerika umdichten muss, weil die Wahrheit zu hart wäre.

"Liebe Emma, teure Böbe" von István Szabó, Mitglied der Akademie, errang 1991 einen Silbernen Bären auf der Berlinale und fand trotzdem keinen deutschen Verleih, vielleicht weil man das Desinteresse der Mehrheit an den Lernprozessen im einstigen politischen Osteuropa (zwei frühere Russischlehrerinnen stellen sich hastig auf Englisch um, aber es passiert natürlich viel mehr) für gravierender hielt als das Vergnügen an großer Schauspielkunst und exzellenter Kameraarbeit. Béla Tarrs "Verdammnis" dagegen gehört seit seiner Entstehung im Jahr 1988 immer wieder zum Repertoire der Filmkunsttheater im Ost- und Westteil der Stadt, und auch Ildikó Enyédi hat sich mit ihrer poetischen Geschichte "Mein 20. Jahrhundert", im gleichen Jahr entstanden, schon viele Freunde in Berlin erworben.

Miklós Jancsó, einst für seine stilbesessenen Konfrontationen mit dem Hass der Despoten und der Empörung ihrer Opfer ebenso hoch gelobt wie gescholten, kam mit dem verwirrend-ambitionierten Clownsspiel "Gottes Laterne in Budapest" beim diesjährigen Forum-Publikum nicht besonders an. Die Einbeziehung der frühen Arbeit "Die Hoffnungslosen" (1965), die Jancsós Ruhm begründete und die nun die Filmreihe am Hanseatenring eröffnen wird, könnte eine gute Gelegenheit für die Erörterung des einst kühnen Konzepts des Künstlers schaffen - falls Jancsó nicht wieder jede Frage mit einem Witz auffängt. Gábor Bódys "Nachtlied des Hundes" von 1983, der Bekenntnisfilm eines leidenschaftlich mit der Filmsprache, der Zeit und sich selbst ringenden Künstlers, wurde lange nicht mehr in Berlin gezeigt. Wirklich neu unter den Spielfilmen sind allein der postmodern überspannte Versuch "Paramicha" von Júlia Szederkényi und der weitaus verständlichere, grell-populäre zweite Film von Tamás Sas, "Piraten". Es hätte bessere Arbeiten gegeben, zum Beispiel die subtil gezeichneten, tragiksatten Paradigmen von János Szász oder die bissigen Komödien Péter Timárs, beides nationale und internationale Preisträger.

Entdeckungen sind hingegen zwei Dokumentarfilme: "Schrott" von Tamás Almási vergegenwärtigt den verzweifelten Kampf der Belegschaft eines Stahlwerkes in Nordungarn um die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze, während "The Danube Exodus", Hauptereignis bei der diesjährigen Budapester Filmschau, die Hin- und Rückfahrt eines Passagierschiffes von Bratislava zum Schwarzen Meer, 1939 und 1941, das erste Mal mit slowakischen Juden an Bord, das zweite Mal mit "heim ins Reich" geholten Bessarabien-Deutschen, noch einmal an die schrecklichen Ereignisse des Jahrhunderts erinnert. Péter Forgács, der seit 1983 ein Archiv mit Privatfilmen und -fotos betreibt und seit 1988 mit seinen daraus komponierten Videofilmen das private Gesicht Ungarns vergegenwärtigt, verdient es, dem deutschen Publikum bekannt zu werden.

Als Höhepunkt der Veranstaltungsreihe sind die Präsentation und Diskussion (auch den anderen Vorführungen werden sich Gespräche zwischen den Gästen und Akademiemitgliedern anschließen) zu neuen Filmen der Budapester Kunsthochschule und des Béla-Balázs-Studios unter der Frage "Was bedeutet visuelle Innovation heute?" gedacht, wozu neben ungarischen auch deutsche Medienkünstler geladen sind. Für deren Selbstverständnis mag die Debatte um "Möglichkeiten und die Ziele visueller Innovation im Zeitalter der digitalen Medien" wichtig sein. Für die Zukunft des Kinos in beiden Ländern hängt von der Erfüllung ihrer "Visionen" wahrscheinlich wenig ab.10. September bis 17. Oktober, Programm unter www.adk.de

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