„Die Akte Carmen“ an der Neuköllner Oper : Beute von heute

Das Problem der Aktualisierung: In seiner "Carmen"-Adaption an der Neuköllner Oper entspinnt Regisseur David Mouchtar-Samorai die tragische Liebesgeschichte zwischen einem Polizisten und einer abgedrängten Zuwanderin.

Benedikt Bernstorff
Zwischen schwarzlichtschimmernden Gummiseilen: "Die Akte Carmen" an der Neuköllner Oper.
Zwischen schwarzlichtschimmernden Gummiseilen: "Die Akte Carmen" an der Neuköllner Oper.Foto: PROMO

Kaum ein Opernstoff hat sich für moderne Bearbeitungen so anfällig und geeignet gezeigt wie Georges Bizets auf der Erzählung von Prosper Mérimée beruhende „Carmen“. Frauenfeindliche und rassistische Einstellungen sind zwar vor allem in der Novelle unübersehbar, Bizet und seine Librettisten schufen aber eine Frauengestalt, die sich gegen die Fremdzuschreibung einer zerstörerischen exotischen Erotik Autonomie und Würde erkämpft.

Schon in den 50er Jahren ließ Hollywood-Regisseur Otto Preminger die Handlung unter Afro-Amerikanern in den Südstaaten spielen, Carlos Saura siedelte seine Filmversion im spanischen Flamenco-Milieu an. Zum Auftakt der neuen Spielzeit zeigt die Neuköllner Oper die Wiederaufnahme ihrer Version mit dem Titel „Die Akte Carmen“, die im Januar erfolgreich Premiere feierte.

Bernhard Glocksin, künstlerischer Leiter des Hauses, hat eine komplett neue (deutsche) Textfassung erstellt, die tragische Liebesgeschichte vollzieht sich nun zwischen einem Polizisten und einer in die Illegalität abgedrängten Zuwanderin. Escamillo ist hier kein Torero, sondern der Boss einer Bande, die die kriminelle Kehrseite des Finanzkapitalismus repräsentieren soll. Natürlich geht das im Detail nicht immer auf. Das Problem solcher Aktualisierungen ist ja weniger, dass sie sich von der Vorlage entfernen, sondern dass sie das nicht beherzt genug tun und die Dramaturgie des Originals über weite Strecken mitschleppen.

David Mouchtar-Samorai gelingen eindrucksvolle Momente

In der zurückhaltenden Inszenierung des erfahrenen Regisseurs David Mouchtar-Samorai gelingen immer wieder eindrucksvolle Momente, zum Beispiel der als Albtraumvision Josés gezeigte Beginn des letzten Aktes. Trumpf der Aufführung sind aber die jungen Sänger, zumal die schlanke Instrumentalbesetzung liedhaften Gesang und den Verzicht auf stimmliches Opernpathos ermöglicht. Neben Farrah El Dibany als Carmen überzeugen vor allem Johannes Grau (José) mit schlank geführtem und zugleich durchsetzungsstarkem Tenor und die beseelte Micaela der jungen Sopranistin Sarah Behrendt. Das milde angejazzte musikalische Arrangement von Bijan Azadian erklingt unter der Leitung von Hans-Peter Kirchberg.

Weitere Aufführungen bis zum 26. September, jeweils um 20 Uhr.

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