Kultur : Die Alpen-Träumer

Rezas „Reise in den Winter“ am Berliner Renaissance-Theater

Günther Grack

Eine Warnung vorweg: Wer erwartet, von Wogen des Gelächters aus dem Sessel gerissen zu werden, wird enttäuscht. Das große Komödienvergnügen, das uns Yasmina Reza mit ihren Stücken „KUNST“ und „Drei Mal Leben“ bereitet hat, will und soll sich diesmal, bei „Reise in den Winter“, nicht einstellen. Das Stück, 1989 vor den beiden Welterfolgen entstanden, peilt die Brillanz der ausgeklügelten Plots und Pointen dieser Hits gar nicht erst an. Das unbeschwerte Lachen, das der Streit dreier Freunde um ein sonderbar weißes, sündhaft teures Ölgemälde beim Publikum auslöst, das ironische Lächeln, das die dreifache Konfrontation zweier rivalisierender Ehepaare dem Zuschauer abnötigt - statt solch dauernden Amüsements sind hier eher gemischte Gefühle gefordert. Witz und Wehmut in empfindlichem Gleichgewicht.

„Reise in den Winter“, ein zweideutig, klimatisch wie existenziell zu verstehender Titel, ist eine kleine Gesellschaftskomödie. Sie spielt sich im Spätsommer des Jahres 1985, etwa drei Tage lang, in einem Schweizer Berghotel unter sechs Personen ab, die sich hier teils paarweise, teils als Singles einquartiert haben. Die beiden Ältesten, um die Sechzig, die 1940 als Juden aus ihrer rumänischen Heimat haben fliehen müssen, sind Avner Milstein und seine Schwester Emma: Avner, seit dreißig Jahren als Fabrikant in Buenos Aires ansässig, trifft sich mit seiner in Paris lebenden ledigen Schwester jeden Sommer in den Schweizer Bergen. Ein zweites Paar bilden Mutter und Tochter: Suzanne, in Lausanne in zweiter Ehe verheiratet, und Ariane, ihre Tochter aus erster Ehe. Die beiden weiteren Gäste sind ein junger und ein älterer Mann: Balint, ein Student, der an seiner Promotion über die Anfänge der Eisenzeit laboriert, und Kurt Blensk, ein Strohwitwer, der bei den anderen, besonders bei Emma, lästigerweise nach Anschluss sucht.

Man spielt Bridge, man liest Bücher, man löst Kreuzworträtsel. Man schlürft einen Kakao, man kippt einen Obstbranntwein. Man bricht zu Wanderungen auf, wie der fleißige Avner Milstein und die junge Ariane, oder man bleibt faul im Liegestuhl zurück, wie Emma und Suzanne, die es vorziehen, sich plaudernd die Zeit zu vertreiben. Und dann wird man, als Zuschauer, auch gern zum Zuhörer. Zum Beispiel wenn Emma Milstein von ihrer und Avners Flucht vor der drohenden Vernichtung erzählt, von der Schiffsreise nach Istanbul, von der Weiterreise – peu à peu im Wasserflugzeug – über Kalkutta und Singapur nach Sydney. Eine Flucht unter vergleichsweise luxuriösen Umständen, ist man doch dank der Vorsorge des Vaters in der pekuniären Lage, in den teuersten Hotels abzusteigen: „Avner spricht nie von dieser Reise während des Krieges“, verrät seine Schwester. „Ich glaube, dass er sich immer ein wenig dieser Vier-Sterne-Tournee schämt. Vielleicht macht er sich Vorwürfe, dass er nicht am kollektiven Schicksal teilhatte ...“

Die deutsche Erstaufführung, 1993 am Badischen Staatsschauspiel Karlsruhe, hat dem Stück der damals noch kaum bekannten Autorin nicht zum Durchbruch verhelfen können. Jetzt gibt ihm das Berliner Renaissance-Theater, seine Yasmina-Reza-Serie verlängernd, mit Felix Praders Inszenierung eine neue Chance. Grasgrün der Vordergrund, schneeweiß der Hintergrund, so präsentiert sich Gerhard Gollnhofers Bühnenbild als alpines Panorama, akustisch untermalt von allerlei Muh und Bäh, von Donnerrollen, Turmuhrglocken und Hubschrauberlärm. Auch ein wenig Musik tönt auf, denn unten in der Dorfkirche lockt ein Konzert den Mozart-Fan zum Besuch: Avner Milstein freut sich schon auf KV 516.

Für Yasmina Reza ist dieser gestandene Mann, der im fernen Buenos Aires mit der Produktion von Büromöbeln seinen Lebensunterhalt bestreitet, das Zentrum, um das sie ihr Stück kreisen lässt, die Bezugsperson für die Sehnsüchte der Frauen, der Suzanne ebenso wie ihrer Tochter. Paradoxerweise ist Peter Franke, dieser Schauspieler vom knochig-sehnigen Handwerkertyp, genau der Richtige für die Rolle: Sentimentalität verbietet sich angesichts seines nüchternen Charmes. Die junge Ariane, gespielt von Yasmina Djaballah (die, gebürtig aus Algerien, mit der Autorin den blumigen Vornamen gemein hat), muss hinnehmen, dass ihr Gefühlssturm an ihm abprallt. Tina Engels Suzanne dagegen, in aller Vorsicht ihre Zuneigung andeutend, darf hoffen, dass die Reifenpanne, die Avner Milstein an der Abreise hindert, sich für sie auszahlt ... Der Chauffeur, dem das Malheur passiert, ist jener erbarmungswürdige Langweiler Kurt Blensk, über den sich die von ihm verehrte Emma Milstein halb tot lachen möchte: Regina Lemnitz, in ihrer voluminösen Weiblichkeit badend, kichert derart irre, dass unsere Sympathien prompt ihrem Opfer zufliegen: dem knorrigen Michael Hanemann. Er hat mit seiner Rolle mehr Glück als Oliver Boysen mit seinem Studenten Balint, der, in die Eisenzeit verbiestert, aus der schlechten Laune nicht herauskommt.

Ein Manko des Stücks, an dem auch Felix Praders zutunlich-einlässliche Inszenierung nichts ändern kann, ist sein offener Schluss. Avner Milstein träumt von einer Reise in den Winter, verrät jedoch sein Ziel nicht. So schickt Yasmina Reza ihr Publikum nach Hause – ratlos.

Weitere Vorstellungen bis 30. November,

täglich außer montags.

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